Von Michelle Bendicks
im Rahmen des Master-Moduls "Project International"
Lichtdurchflutet, dutzende eingerahmte Bilder an den Wänden: Das Büro, in dem Bidhya Chapagain mich empfängt, wirkt mehr wie ein Zuhause als ein Ort, an dem gearbeitet wird. Das Interview führen wir auf dem Boden sitzend, angelehnt an die um uns herum verteilten Möbelstücke. Was ich zu diesem Moment, ohne meine Schuhe, dafür aber mit Milchtee in der Hand, noch nicht ahne: Es wird eines der persönlichsten und fesselndsten Interviews, die ich Nepal führe.

Bidhya Chapagain ist eine der bekanntesten Journalistinnen des Landes. Mehrere Jahre moderierte sie die TV-Show „Sajha Sawal“ für die BBC, in der Bürgerinnen und Bürger mit einflussreichen Politiker_innen und Entscheider_nnen debattieren und Probleme gesellschaftlicher Relevanz adressieren. Ein Format, das über lange Zeit hinweg das Einzige war, in dem nepalesische Bürger_innen Gehör fanden. Schon während ihrer Zeit bei der BBC erinnert sich die Journalistin an inspirierende Menschen, die sie auf ihren Reisen für Dreharbeiten traf – die jedoch nie den Weg vor die Kamera fanden: „Wir sahen die echte Situation der Menschen.“ Für Bidhya Chapagain und ihren Produzenten Kamel Kumar wurde immer mehr klar: Es gibt so viel mehr Geschichten, die erzählt werden wollen, fern ab von politischen Interessen, so viel mehr Leid und Freude, die geteilt werden wollte.
„They had a story to be told“: Sie haben Geschichten, die erzählt werden wollen
Gemeinsam wagen Bidhya Chapagain und Produzent Kamel Kumar 2018 den Schritt in die Selbstständigkeit: „Wir haben uns entschieden, unseren Traum hinter uns zu lassen – unseren Traumjob. Aber wir wussten: Wir hatten einen neuen Traum gefunden.” Getrieben vom Traum, die Geschichten ganz normaler Leute zu erzählen, verlassen die Zwei ihre sicheren Stellen bei der BBC und gründen Herne Katha. „Am Anfang standen wir vor dem Nichts. Wir hatten keinen Plan für Herne Katha und nur wenig Geld aus unseren vorigen Jobs zur Verfügung, um einen Plan zu schmieden. Trotzdem wussten wir, dass es genau richtig ist, was wir tun. Hätten wir diesen Schritt nicht gewagt, hätten wir es zu einem späteren Zeitpunkt in unseren Leben bereut.“ Auch heute, einige Jahre später, erinnert sich Bidhya Chapagain sehr genau an das Gefühl der ersten Tage, der ersten Drehs und der ersten Veröffentlichungen. Vor allem erinnert sie sich aber an die Karussellfahrt ihrer Gefühle: „Wir wussten nicht, was uns erwartet. Wir hatten Angst vor der Reaktion der Zuschauer_innen und konnten auch nicht erwarten, wie groß unser Publikum überhaupt wird.“ Ihre ersten Teile der Internetserie veröffentlichten sie ohne viele Erwartungen auf YouTube. Freudestrahlend berichtet die Journalistin von ihrem sofortigen Erfolg und den über 50.000 Klicks innerhalb kürzester Zeit. „Wir verstanden, dass wir etwas genau richtig gemacht hatten. Mittlerweile verfolgten wir nicht mehr unsere Träume – sondern die anderer, ganz gewöhnlicher Menschen.“
Mittlerweile hat sich Bidhya Chapagain an die große Resonanz auf neue Folgen gewöhnt – obgleich ihr trotz aller Bodenständigkeit die Freude und der Stolz darüber unverkennbar ins Gesicht geschrieben sind.
Über eine Million Menschen folgen der Produktion mittlerweile auf YouTube, jedes einzelne Video verzeichnet mehrere Hunderttausend Klicks. Neben Musik und Filmen sind die von Herne Katha veröffentlichen Kurzdokumentationen immer wieder in den YouTube Trends Nepals zu finden. Seit einiger Zeit veröffentlichen Bidhya Chapagain und ihr Team die Mitschnitte auch als Audioformat im Podcaststyle, kleinere Sender übermitteln ganze Folgen der Produktion im Fernsehen oder im Radio. Trotz – oder vielleicht aufgrund ihres Erfolges – sieht die Journalistin in Videos mit ähnlichem Inhalt anderer Anbieter keine Konkurrenz. Vielmehr freut sie sich darüber, dass gewöhnliche BürgerInnen Gehör für ihre ganz persönlichen Geschichten finden.
„Each and every story that we´ve done so fare is my favorite“ – Jede einzelne Geschichte, die wir bisher gemacht haben, ist meine liebste
Mittlerweile sind wir bei der zweiten Tasse Tee und der anfängliche Wusel im Büro hat sich gelegt. Ich möchte von Bidhya wissen, wie sie ihre Charaktere und ihre Geschichten finden. Eine Frage, die die Journalistin spürbar zum Nachdenken bringt. Sie erklärt, dass nicht sie die Geschichten finden, sondern dass die richtigen Geschichten den Weg zu ihnen finden. Auf ihren Reisen durch das ganze Land, bis in die abgeschiedensten Bergdörfer der Himalaya-Region, lernen sie eine Vielzahl von Menschen und ihre Geschichten kennen. „Es dreht sich alles um das Gefühl und die Entstehung einer zwischenmenschlichen Verbindung. Wenn wir Menschen treffen und sie mit uns ihre Geschichten teilen, muss ich merken, dass sie mich inspirieren. Und, dass sie auch Tausende andere begeistern können. Wenn wir DIE Story gefunden haben, macht es Klick und wir beginnen direkt mit dem Filmen.“
Während der Dreharbeiten entstehen tiefe Verbindungen und sogar Freundschaften zu und mit den einzelnen Charakteren, erklärt Bidhya Chapagain. Für sie stellen diese Verbindungen und gegenseitiges Vertrauen den Schlüssel zum Erfolg der Episode dar: Meist begleiten sie die jeweiligen Menschen mehrere Tage mit der Kamera, leben bei ihnen und stellen so ihre Geschichten möglichst ehrlich und ungestellt dar. „Ich sehe mich nicht in der Position als Stimmgeber, da all unsere Charaktere bereits vor unserem Besuch eine Stimme haben. Wir helfen ihnen nur dabei, ihre Geschichte in die Welt zutragen. “
„We never dare to do what he has done“ – Wir werden uns niemals trauen, das zu tun, was er getan hat
Während unseres Interviews gibt Bidhya Chapagain immer wieder beispielhafte Einblicke in einzelne Geschichten ihrer Episoden. Ich bitte sie, mir von ihrer größten Inspiration zu erzählen. Es ist eine Geschichte, die nicht nur ihr beim Erzählen, sondern besonders mir beim Zuhören nahe geht. „Ich erinnere mich an einen Mann, der in einem Waisenhaus in einem Bergdorf aufgewachsen ist. Seit er ins Kathmandutal gezogen ist und eine der Top-Universitäten hier besucht hat, war er nicht mehr in seinem Heimatdorf zu Gast. Nach vielen Jahren muss er jedoch dort hin zurück, um ein fehlendes Dokument abzuholen. So weit ich weiß, hatte er mit einigen Studienkollegen einen Auslandsaufenthalt geplant, ich meine sogar, er hatte ein Stipendium dafür. Als er nun vor der Reise ins Dorf zurückkehrte, traf ihn die mangelnde Schulbildung der Kinder hart. Er entschied sich dazu, vor seinem Auslandsaufenthalt drei Monate dort zu verbringen und die Kinder zu unterrichten. Als wir ihn trafen, war er schon drei Jahre dort. Diese aufopfernde Nächstenliebe hat mich tief beeindruckt. Ich glaube, auch wenn wir wissen, in was für einer privilegierten Situation wir leben und wir diese zu schätzen wissen, helfen wir niemandem, der in weniger guten Verhältnissen lebt. Wir würden uns niemals trauen, einen Schritt zu wagen wie dieser Mann es getan hat.“
Am Ende des Interviews bleibt meine Teetasse leer zurück, mein Blick wandert ein letztes Mal über die vielen Bilder an der Wand: Ich begreife, dass sie die Gesichter all derjenigen zeigen, die ihre Geschichte bei Herne Katha teilten. Ich rapple mich auf, meine Beine sind eingeschlafen, doch mein Geist um so wacher. Voller Inspiration und Demut verabschiede ich mich und trete aus der Tür in die Abendsonne Nepals heraus.
