Träume, die Wirklichkeit wurden

Von Michelle Bendicks

im Rahmen des Master-Moduls "Project International"

Bereits seit einer Dreiviertelstunde sitze ich im Taxi, der Fahrer quält uns durch die überfüllten Straßen, vorbei an Mofas, Fahrrädern, anderen Autos und hunderten Fußgängern. Ich bin bereits seit drei Wochen in Kathmandu, doch an das Chaos und die fremden Geräusche um mich herum habe ich mich immer noch nicht gewöhnt. Als ich endlich aus dem Taxi aussteige, unweit des Bagma-Flusses, stehe ich inmitten einer riesigen Staubwolke. Um mich herum ist es ungewöhnlich still und ich frage mich, ob ich an der richtigen Adresse bin. Plötzlich jedoch wird die Stille gebrochen – und eine freundliche Stimme spricht vorsichtig meinen Namen aus. Ich wirble gemeinsam mit dem Staub herum und erblicke einen Mann, der auf der anderen Straßenseite vor einem riesigen Eisentor steht. 

Es ist Bhupendra Ghimire, der Gründer der Volunteers Initiative Nepal. Er lächelt mich an und gibt mir mit einer einladenden Geste zu verstehen, ihm zu folgen. Als hinter uns das schwere, blickdichte Tor zufällt, befinde ich mich in einer anderen Welt. Der gesamte Staub ist auf der anderen Seite geblieben, die im Vergleich zu dieser fast trist wirkt. Wir stehenden in einem riesigen Garten, der akkurat gepflegt wirkt und gezeichnet von vielen Beeten mit unterschiedlichen Anbauten, buntblühenden Blumen und Bäumen ist.

Selfie von Michelle und Bhupi
Michelle Bendicks traf Bhupendra "Bhupi" Ghimire in Kathmandu zum Interview.

Bhupendra Ghimire bemerkt mein Staunen. Auch er scheint den Anblick des farbenfrohen Gartens zu genießen und erklärt mir, dass die Pflege der Pflanzen und das Gärtnern seine zweite Leidenschaft ist. Nach einer Führung durch die verschiedenen Gebäude des großen Komplexes nehmen wir im Aufenthaltsraum Platz und Bhupendra Ghimire beginnt, mir von seiner größten Leidenschaft zu erzählen: der Volunteers Initiative Nepal (VIN).

„Es gibt tausende Bhupis“

Hinter ihrer Gründung steckt die persönliche Geschichte Ghimires, die mich zutiefst berührt. Aufgewachsen in einem abgelegenen Dorf legen er und seine fünf Geschwister täglich mehrere Kilometer Schulweg zurück. „Meiner Mutter war unsere Bildung immer sehr wichtig, da sie selbst nie zur Schule gehen konnte. Es wirkte immer so, als wäre sie deutlich motivierter als ich. Mit leerem Magen erst einen Kilometer bergauf und dann wieder einen bergab zu wandern, um in die Schule zu gehen, klang für mich nie besonders verlockend.“ Trotz der widrigen Umstände schafft Bhupendra Ghimire seinen Abschluss. Um zu studieren und Lehrer zu werden, zieht er anschließend nach Kathmandu. Schon in seiner Studienzeit möchte der junge Mann seinem Dorf etwas zurückgeben: „Ich wusste, ich möchte mich im sozialen Bereich engagieren. Während des Studiums verbrachte ich meine Zeit allerdings nur mit Lernen und Arbeiten. Trotzdem war das ein Gedanke, der mich nie losgelassen hat.“

Nach seiner Graduierung und einigen Jahren Arbeit als Lehrer, widmet er sich der Weiterbildung und
Kurserteilung von Lehrenden im ganzen Land. „Auf meinen Reisen habe ich Nepal erst so richtig kennengelernt. Lange Zeit dachte ich, dass wir die ärmste Familie überhaupt waren. Doch während meiner Arbeit in den verschiedensten Regionen des Landes habe ich viel gesehen. Ich habe viele Menschen mit ähnlichen Geschichten wie meiner kennengelernt. Ich habe verstanden, dass es tausende Bhupis da draußen gibt.“
Schon nach seiner eigenen Geschichte bin ich tief beeindruckt und fühle mich, in Erinnerung an meinprivilegiertes Leben und Aufwachsen in Deutschland, hier fast fehl am Platz. Doch als Bhupendra Ghimire fortfährt und mir eine weitere Geschichte seiner Reisen erzählt, schnürt es mir die Kehle zusammen.

Ein harter Sturz in Richtung Realität

„Eigentlich war ein ganz normaler Unterrichtsbesuch geplant, bei dem ich mir eine Dorfschule, ihre Lehrer und den Unterricht anschauen sollte. In einer der Klassen erhaschten jedoch nicht der Lehrer, sondern immer wieder die gleichen zwei Kinder meine Aufmerksamkeit. Sie lehnten an der Wand und sahen unglaublich müde und unkonzentriert aus. Sie erinnerten mich ein bisschen an meine eigene Schulzeit. Nach der Stunde sprach ich mit dem Lehrer und fragte, ob mit den Beiden alles in Ordnung sei. Er antwortete, dass der Unterricht vorbei sei, er müde war und ihm der Zustand der Kinder nicht aufgefallen war. Ich wollte mich jedoch vergewissern, dass die Beiden wohlauf waren und folgte ihnen nach Hause. Dort erblickte ich ein weiteres Kind, es war ihre jüngere Schwester. Sie saß auf dem Boden und aß etwas. Als ich näher kam, sah ich, dass auf ihrem Teller mehr Fliegen als Reiskörner waren. Um sie herum lief ein Hund, der die Fäkalien der Familie aufleckte. Diese Gesamtsituation hat mich wahnsinnig geschockt. Ich dachte immer, wir waren arm. Doch diese Verhältnisse? So sollte kein Kind aufwachsen müssen. Ich sprach mit der Mutter – sie erzählte mir ihre traurige Geschichte. Ihr Mann hatte sie und ihre Kinder vor sechs Monaten verlassen, seitdem waren sie auf sich allein gestellt. Wenn sie Arbeit fand, kaufte sie Essen für ihre Kinder – sie selbst habe seit vielen Tagen nichts gegessen. Das Geringste, was ich in diesem Moment tun konnte, war ihnen ein paar Säcke Reis zu kaufen und zu hoffen, dass sie damit zumindest den nächsten Monat über etwas Essen hatten. Doch mir war auch bewusst, dass das nur eine kurzfristige Lösung war.“ Schon vor diesem Erlebnis war Bhupendra Ghimires Bedürfnis groß, zu helfen. Doch nach dieser Reise wusste er, dass viel mehr nötig ist als das Engagement einer einzelnen Person. Er beschließt, die Volunteers Initiative Nepal zu gründen und mit ihr das Leben vieler Nepalesen zu ändern. Hier engagieren sich nicht nur Einheimische wie Ghimire selbst, sondern auch Volontäre aus der ganzen Welt.

Gemeinsam für eine bessere Zukunft

Die Initiative arbeitet mit einem ganzheitlichen Einsatz, der verschiedene Projekte miteinander verknüpft und die Bürger_innen Nepals so bestmöglich unterstützt. Der Gründer erklärt stolz: „Wir empowern marginalisierte Dörfer und inspirieren sie, ihre Ressourcen und Fähigkeiten zu nutzen, um ihre Träume zu verwirklichen.“ Ihre Unterstützung basiert dabei auf Verbesserungen in den Bereichen Bildung, Umwelt und Gesundheit, Wirtschaft und Infrastruktur. Immer wieder betont Bhupendra Ghimire, dass sie besonderen Wert auf die Nachhaltigkeit ihrer Projekte legen. So erzählt er mir zum Beispiel von ihrem Women´s Empowerment Programm, mit dem sie, angelehnt an das bekannte Prinzip der Mikrokredite, ein besonderes Modell der Unterstützung geschaffen haben. „Innerhalb unserer Unterstützung bilden wir Gruppen aus neun bis zwölf Frauen. Diese lernen, sich gegenseitig zu unterstützen – unter anderem mit Mikrokrediten. Jede von ihnen spart über das Jahr hinweg und zahlt es in einen gemeinsamen Topf ein. Da kommen dann 500 bis 600 Euro im Jahr zusammen. Aus diesem Topf werden Mikrokredite für weitere Frauen oder Frauen aus der Gruppe bezahlt. Mit diesem Prinzip sind sie unabhängig von Banken und jede als Shareholderin gleichberechtigt.“ In der anfänglichen Unterstützung lernen die Frauen, mit dem Geld umzugehen, es schlau anzulegen und neues zu verdienen.

Im Sinne des ganzheitlichen Ansatzes unterstützt die Volunteers Initiative Nepal die Dörfer auch dabei, eine selbstständige Versorgung mit Nahrungsmitteln und Trinkwasser entstehen zu lassen. Im eigenen Landwirtschaftscenter der Initiative kommen Menschen aus dem ganzen Land zusammen und lernen, unter den spezifischen geografischen Voraussetzungen Obst und Gemüse anzubauen. „Bei uns vor Ort lernen sie die Basics. Zuhause können sie dann mit ihrem eigenen Terrassen-Anbau beginnen“, erklärt Bhupendra Ghimire. Um Regenwasser zu sammeln, das für die Gärten und als Trinkwasser genutzt wird, errichtet die Organisation zudem mehrere Wassertonnen und Sammelbecken in den von ihnen unterstützten Regionen.

Ghimires Steckenpferd ist und bleibt der Einsatz im Bildungssektor, wie er mir verrät. Auch weiterhin schulen und inspirieren er und sein Team Lehrer im ganzen Land – um Kindern, wie er es einst war, Bildung zu ermöglichen. Neben dem Bau von Schulen organisiert die VIN auch Lehrmaterialen und Ausstattung für die Klassenräume. „Es liegt mir sehr am Herzen, dass wir unseren Kindern eine möglichst strahlende Zukunft ermöglichen“, erklärt Bhupendra Ghimire freudig. Einige ihrer Projekte, besonders Schulen, gibt die VIN nach einer erfolgreichen Errichtung und Begleitung der ersten Zeit in die Hände der entsprechenden Bezirke. „Dadurch empowern wir nicht nur lokale Regierungen, sondern sparen uns auch das Gehalt der entsprechenden Lehrer und können stattdessen mit dem Geld an anderer Stelle Gutes tun“, erklärt der Gründer.

Für die Zukunft wünscht sich Bhupendra Ghimire, dass Organisationen wie die VIN vermehrt in Kooperationen arbeiten. „Es gibt so viele Initiativen und Hilfsorganisationen hier im Land. Doch es gibt keine ganzheitliche Organisation, sodass jede Gruppe einzeln vor sich hinarbeitet und niemand weiß, an welcher Stelle gerade die anderen arbeiten. Würden wir besser vernetzt sein, könnten wir Projekte vereint angehen und so noch viel Größeres schaffen!“

Mehr Informationen zur Arbeit der VIN gibt es unter: https://www.volunteersinitiativenepal.org/.

Das Interview lässt mich beeindruckt zurück. Beeindruckt von der Willenskraft, Stärke und unendlicher Freundlichkeit. Es ist die unermüdliche Hilfsbereitschaft, die wahnsinnige Vielfalt und die lauten Geräusche, die mich an diesem Land besonders fesseln. Das Schreiben der Interviews bringt mich gedanklich zurück auf die Dachterrasse meiner Unterkunft, von der ich die hohen Berge des Himalaya-Gebirges bewundere.
Nepal – Bis bald!

Das Women's Empowerment Programme hilft unter anderem mit Mikrokrediten (Bild: Volunteers Initiative Nepal).