Die Südzentrale – Teil 3

Vom Marinekraftwerk zum Denkmal in Trümmern

Das Grundstück des ehemaligen Kraftwerks Südzentrale am Fuß der Kaiser-Wilhelm-Brücke in Wilhelmshaven wurde jetzt im Februar 2025 plötzlich an ein Unternehmen verkauft – ohne das Vorkaufsrecht der Stadt Wilhelmshaven oder anderslautende Beschlüsse des Rates der Stadt zu beachten (siehe WZ vom 19.02.2025 hier https://www.nwzonline.de/wilhelmshaven/rat-ist-empoert-grundstueck-der-suedzentrale-in-wilhelmshaven-ueberraschend-verkauft_a_4,1,4070889881.html#). Noch im letzten Jahr (2024) gab es eigentlich andere Pläne für das Grundstück. Ein Investor wollte ein Hotel bauen, der Stadtrat hatte das auch schon beschlossen. Letztlich scheiterte das Projekt an eben jenem Vorkaufsrecht, auf das die Stadt nicht bereit war zu verzichten. Zu den Hintergründen recherchierten Studierende des Studiengangs „Medienwirtschaft und Journalismus“ im Rahmen einer Lehrveranstaltung im Wintersemester 2024 bei Prof. Dr. Andrea Czepek. Die Recherche-Ergebnisse der Studierenden können Sie hier nachlesen (Stand: Januar 2025).

Von Antonia Freudenberg, Dana Gellner, Lisa Götzke, Tronje Schreyer
Aus dem Modul Schwerpunkt 2 Journalismus (Investigative Recherche)

Sie war das größte Kraftwerk Europas und das stärkste ihrer Zeit – die Südzentrale. Nur knapp blieb sie im Kriegsgeschehen verschont.

Der Bau der Südzentrale begann 1908, um die Kaiserliche Marinewerft mit Strom zu versorgen. Nach nur drei Jahren Bauzeit wurde 1911 der erste Abschnitt des imposanten Kraftwerks fertiggestellt und im Laufe der Jahrzehnte erweitert. Im Zweiten Weltkrieg blieb die Südzentrale – im Gegensatz zu vielen anderen Teilen der damals sehr fortschrittlichen Stadt – weitgehend unbeschädigt. Als die Kriegsmarinewerft demontiert wurde, entfiel auch ihr Energiebedarf. So wurde das Kraftwerk 1947 an die Nordwestdeutsche Kraftwerke AG verpachtet, um Teile der Stadt mit Strom zu versorgen. 1987 wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt.

Doch der größte Feind eines jeden alten Gebäudes ist es, lange Zeit ungenutzt zu bleiben. So wurde sie sich letztendlich ab Mitte der 1990er Jahre selbst überlassen, sowie dem Verfall und dem Vandalismus. 

 
Innenansicht der Südzentrale mit sichtlichem Verfall, Graffitis und Pfützen
Verfall und Vandalismus prägen das Bild des ehemaligen Kraftwerks Südzentrale (Bild: Verein zum Erhalt der Südzentrale e.V.).

Das jugendstilistische Gebäude ging eigentlich Hand in Hand mit der Kaiser-Wilhelm-Brücke. Seit 2015 blickt man von dieser jedoch nur noch auf eine fast schon bedrückende Leere. Aus demselben Stahl bestehend wie die zwischen 2010 und 2013 sanierte K-W-Brücke war die Südzentrale nicht nur in einem besseren Zustand, als es von der Ferne aus vermuten ließ, sie war eigentlich für die Ewigkeit gebaut. 

Für viele ein Sinnbild der maritimen Ader Wilhelmshavens. Ein Stück Identität und Zusammengehörigkeit. Mit diesem Gefühl als Antrieb haben jahrelang viele Menschen unermüdlich für die Rettung der Südzentrale gekämpft. Rüdiger Nietiedt, Ralph Ehlers, Corinna Nickel und Oda Griesemann haben es sich – neben vielen anderen – zur Aufgabe gemacht, das alte Kraftwerk vor dem drohenden Abriss zu bewahren. Dafür gründeten sie 2011 sogar einen Verein. Der Verein kämpfte vor allem durch Öffentlichkeitsarbeit für eine denkmalverträgliche Nutzung. Doch trotz des Engagements der Initiativen konnte das historische Gebäude letztlich nicht gerettet werden – und die Stadt verlor ein weiteres Stück ihrer industriellen Vergangenheit. 

Die Sicherung des Gebäudebestandes durch temporäre Nutzung hätte nach Schätzungen vom damaligen Beiratsmitglied Andre Winter circa 1,5 Millionen Euro gekostet und wäre der erste Schritt in Richtung Sicherheit für die Südzentrale gewesen. Doch die Meinung in der Stadtbevölkerung ging auseinander. Obwohl der Verein zum Erhalt der Südzentrale seit Gründung im Jahr 2011 schnell Mitglieder und Unterstützer:innen akquirieren konnte, sahen viele Bürger: innen keinen Sinn im Erhalt eines verfallenen Gebäudes. Würden sie die entstehenden Kosten tragen müssen? Auch auf tatkräftige Unterstützung aus Reihen der Stadtverwaltung und der Denkmalschutzbehörde wartete man lange und vergeblich.

Und auch die Eigentümergesellschaft BGI selbst schien in der Zeit dem Abriss immer näher zu sein, als der Erhaltung. Seitdem 2003 die Südzentrale an die Eigentümergesellschaft in Ibbenbüren gegangen ist, haben diese immer wieder den Abriss des alten Kraftwerks beantragt. Mit der Begründung, der Erhalt des Denkmals stelle eine zu hohe wirtschaftliche Belastung dar, wurde dem Abrissantrag stattgegeben. Die bewilligten Anträge ließ man jedoch immer wieder auslaufen, bis schließlich Mitte 2014 mit dem Abriss begonnen wurde.

 

Wie konnte es dazu kommen?

Der Abriss stieß bei Denkmalschützer:innen und in der Bevölkerung auf Widerstand. Der Verein zum Erhalt der Südzentrale e.V. bemühte sich um die Rettung des Gebäudes und unterbreitete den Eigentümer:innen im September 2014 ein Kaufangebot über 750.000 Euro, das im Dezember auf 800.000 Euro erhöht wurde. Gleichzeitig legte der Verein der Stadt Wilhelmshaven ein Nutzungskonzept zur Entwicklung und Vermarktung der Südzentrale vor. Durch das bestehende Kaufangebot und das vorliegende Nutzungskonzept hätte die Denkmalschutzbehörde den genehmigten Abriss am Gebäude zurückziehen können . Am 13. November 2014 lehnten die Eigentümer:innen das Angebot jedoch ab und kündigten wenige Tage später die Fortsetzung der Abrissarbeiten an, die sie Anfang Dezember wieder aufnahmen.

Ein Artikel der Wilhelmshavener Zeitung zitierte Wagner und Stadtbaurat Oliver Leinert, die die Vorwürfe gegen die Untere Denkmalschutz- und Naturschutzbehörde entschieden zurückgewiesen haben. Leinert argumentierte, dass die Rücknahme der Abrissgenehmigung von 2003 einer Enteignung gleichkommen würde und daher rechtlich problematisch gewesen sei. Zudem sei das Kaufangebot des Vereins zum Erhalt der Südzentrale über 750.000 Euro nie notariell beglaubigt worden und habe daher keine bindende Wirkung gehabt.

Das Schicksal der Südzentrale schien besiegelt, bis im Jahr 2015 plötzlich drei geschützte Fledermausarten im Keller entdeckt wurden, was den Abriss vorerst stoppte. Die Untere Naturschutzbehörde verhängte umgehend ein Abrissverbot, doch im August desselben Jahres erhielten die Eigentümer:innen von der Naturschutzbehörde eine Ausnahmegenehmigung mit Auflagen, die den Teilabriss der Gebäude wieder erlaubte.

Trotz eines vorgelegten Gutachtens über das Fledermausquartier an die Leiterin der Unteren Naturschutzbehörde wurde die Abrissgenehmigung aufgrund von “Gefährdung der Verkehrssicherheit” dennoch erteilt. Jedoch wurde das Ausmaß dieser Gefährdung der Verkehrssicherheit in der Abrissgenehmigung nicht erläutert. 

In einem Gutachten kam die vom Verein beauftragte Rechtsanwaltskanzlei Mohr in einem Referendum zu dem Ergebnis, dass die Untere Denkmalschutzbehörde die erteilte Abbruchgenehmigung hätte widerrufen müssen. Auch die artenschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung der Naturschutzbehörde, die den Abriss ermöglichte, wurde in dem Gutachten als fehlerhaft und rechtswidrig eingestuft. Laut dem Bundesnaturschutzgesetz ist es rechtswidrig, die Fortpflanzungs- und Ruhestätten geschützter Arten zu beschädigen oder zu zerstören. Um den Abriss fortzusetzen, hätte die Eigentümergesellschaft ein neues Winterquartier für die Fledermäuse finden müssen. 

Allerdings ist es denkbar, dass bei einem Kraftwerk, dass auf Basis von Heizöl betrieben wurde, Altlasten im Boden zurückgeblieben sind, deren Entfernung eine weitere finanzielle Hürde darstellt. Der Ehemalige OB Wagner sagte  in einem Artikel der WZ, dass die Instandsetzung des Geländes mit der Entfernung der Altlasten aus dem Boden schätzungsweise 20 bis 30 Millionen Euro kosten würde. Darüber, woher Wagner diese Zahlen genau nahm, lässt sich nur mutmaßen.

In einem letzten Versuch unterbreitete die Eigentümergesellschaft dem Verein einen Vorschlag zur Grundstücksteilung. Es wurde jedoch keine konkrete Vision seitens der Eigentümergesellschaft zur Teilung entwickelt, und der Verein entwarf eigene Ideen, wie eine Teilung des Grundstücks der Südzentrale aussehen könnte. Diese Entwürfe blieben von der Eigentümergesellschaft unbeantwortet, ohne einen alternativen Gegenvorschlag zu unterbreiten. Die Gespräche und Verhandlungen zwischen den Eigentümer:innen und dem Verein verliefen ohne eine Einigung im Sande.