Frauen in der EU – Gleichstellung zwischen Fortschritt und Rückschritt

Von Allegra Düser

aus dem Modul „Projekt International“ im Studiengang Management digitaler Medien

Brüssel, Mai 2025. Im Herzen des Europaviertels wehen die Flaggen der Mitgliedsstaaten. Auf den ersten Blick wirkt alles erstaunlich modern, offen, international. Und tatsächlich: Noch nie saßen so viele Frauen im Europäischen Parlament wie in den letzten Jahren. Ursula von der Leyen steht als erste Frau an der Spitze der EU-Kommission. Roberta Metsola führt das Parlament. Fortschritt? Ja. Aber nur auf den ersten Blick.

Foto des Europäischen Parlaments in Brüssel. Links vom Bild sind Flaggen zu sehen. FotoI EPRS-Briefing “European Parliament: Facts and figures“, erstellt von Lucille Killmayer, Europäisches Parlament, Brüssel 2024.
Das Europäische Parlament von außen I Foto: EPRS-Briefing “European Parliament: Facts and figures“, erstellt von Lucille Killmayer, Europäisches Parlament, Brüssel 2024.

Es sind deutlich mehr Frauen als noch vor zwanzig Jahren – und doch erzählen sie alle ähnliche Geschichten: über strukturelle Hürden, finanzielle Barrieren, familiäre Belastungen und politische Kämpfe, die längst überwunden schienen.

Die EU schreibt sich die Gleichstellung von Männern und Frauen groß auf die Fahne. Doch was bedeutet das im politischen Alltag? Wie fühlt es sich an, als Frau Macht in einer Institution auszuüben, die traditionell von Männern geprägt wurde? Und: Wie viel Gleichstellung ist tatsächlich Realität? Über diese Fragen habe ich mich mit Abgeordneten des Europaparlaments unterhalten, um ihre Meinung zu hören. Lena Düpont und Verena Mertens von der CDU, Maria Noichl von der SPD und Katrin Langensiepen von den Grünen gaben ihre Einschätzung.

Foto des Plenarsaals im Europäischen Parlament in Brüssel.
Der Plenarsaal im Europäischen Parlament I Foto: EPRS-Briefing “European Parliament: Facts and figures“, erstellt von Lucille Killmayer, Europäisches Parlament, Brüssel 2024.

Es sind deutlich mehr Frauen als noch vor zwanzig Jahren – und doch erzählen sie alle ähnliche Geschichten: über strukturelle Hürden, finanzielle Barrieren, familiäre Belastungen und politische Kämpfe, die längst überwunden schienen.

Die EU schreibt sich die Gleichstellung von Männern und Frauen groß auf die Fahne. Doch was bedeutet das im politischen Alltag? Wie fühlt es sich an, als Frau Macht in einer Institution auszuüben, die traditionell von Männern geprägt wurde? Und: Wie viel Gleichstellung ist tatsächlich Realität? Über diese Fragen habe ich mich mit Abgeordneten des Europaparlaments unterhalten, um ihre Meinung zu hören. Lena Düpont und Verena Mertens von der CDU, Maria Noichl von der SPD und Katrin Langensiepen von den Grünen gaben ihre Einschätzung.

Foto des Plenarsaals im Europäischen Parlament in Brüssel.
Der Plenarsaal im Europäischen Parlament I Foto: EPRS-Briefing “European Parliament: Facts and figures“, erstellt von Lucille Killmayer, Europäisches Parlament, Brüssel 2024.

Eine scheinbare Erfolgsgeschichte mit vielen Lücken

Tatsächlich hat sich in den vergangenen Jahrzehnten viel verändert. 1979, bei der ersten Direktwahl zum Europäischen Parlament, lag der Frauenanteil bei gerade einmal 16,6 Prozent. 2024 beträgt er immerhin 38,7 Prozent (Abbildung 1). Im weltweiten Vergleich liegt das EU-Parlament damit deutlich vorn. Und doch stagniert der Anteil seit mehreren Jahren. Während Länder wie Schweden (61,9 Prozent) oder Frankreich (50,6 Prozent) ihre Delegationen inzwischen mehrheitlich weiblich besetzen, verharren andere Mitgliedsstaaten wie Rumänien und Malta unter 20 Prozent, Zypern liegt sogar bei 0 Prozent (Abbildung 2). Deutschland liegt dabei prozentual mit 36,5 Prozent knapp unter der EU-Parlament.

Entwicklung des Frauenanteils im Europäischen Parlament von 1979 bis 2024 – ein langsamer, aber stetiger Anstieg. Quelle: EPRS-Briefing “European Parliament: Facts and figures“, erstellt von Lucille Killmayer, Europäisches Parlament, Brüssel 2024. Das Dokument dient ausschließlich der Hintergrundinformation und stellt keine offizielle Position des Europäischen Parlaments dar.
Entwicklung des Frauenanteils im Europäischen Parlament von 1979 bis 2024 – ein langsamer, aber stetiger Anstieg. Quelle: EPRS-Briefing “European Parliament: Facts and figures“, erstellt von Lucille Killmayer, Europäisches Parlament, Brüssel 2024. Das Dokument dient ausschließlich der Hintergrundinformation und stellt keine offizielle Position des Europäischen Parlaments dar
Abbildung 2: Frauenanteil in den Delegationen der EU-Mitgliedsstaaten im Jahr 2024 – große Unterschiede zwischen den Ländern. Quelle: EPRS-Briefing “European Parliament: Facts and figures“, erstellt von Lucille Killmayer, Europäisches Parlament, Brüssel 2024. Das Dokument dient ausschließlich der Hintergrundinformation und stellt keine offizielle Position des Europäischen Parlaments dar.
Abbildung 2: Frauenanteil in den Delegationen der EU-Mitgliedsstaaten im Jahr 2024 – große Unterschiede zwischen den Ländern. Quelle: EPRS-Briefing “European Parliament: Facts and figures“, erstellt von Lucille Killmayer, Europäisches Parlament, Brüssel 2024. Das Dokument dient ausschließlich der Hintergrundinformation und stellt keine offizielle Position des Europäischen Parlaments dar

Hinter den Zahlen verbirgt sich eine strukturelle Schieflage, die sich durch nahezu alle Bereiche der politischen Arbeit zieht. In den wichtigen Ausschüssen etwa stellen Frauen nur 6 von 20 Vorsitzenden. Auch im Alltag der Parlamentsarbeit spüren viele Abgeordnete die ungleiche Behandlung, sowie Katrin Langensiepen von den Grünen: „Da kommt dir eine Gruppe von Männern entgegen – weichst du aus oder gehst du durch? Das sind diese ständigen, unterschwelligen Situationen, auch auf dem Podium, wo man unterbrochen wird, wo einem erklärt wird: Das müssten Sie jetzt aber mal richtig verstehen.“ Langensiepen lacht trocken: „Ich bin 45 und habe graue Haare, ich bin längst aus dem Mädchenalter raus. Aber die Behandlung bleibt oft die gleiche.“

Der neue Kulturkampf im Plenarsaal

In den letzten Jahren haben sich die politischen Machtverhältnisse spürbar verschoben. Während die konservative EVP weiterhin stärkste Kraft bleibt, ist mit dem Erstarken der rechtspopulistischen Patriots for Europe (PfE) eine neue Dynamik entstanden (Abbildung 3). Fast ein Drittel der Sitze vereinen rechte und rechtsextreme Fraktionen inzwischen auf sich – Gruppen, die Gleichstellung häufig nicht nur relativieren, sondern offen bekämpfen.

„Die Rechten kapern ganz bewusst das Gender-Thema“, warnt Langensiepen. „Es reicht nicht, dass Frauen überhaupt Machtpositionen einnehmen. Es müssen Feministinnen dort sitzen, die für echte Gleichstellung kämpfen.“ 

Lena Düpont, CDU-Abgeordnete aus Niedersachsen, schildert es nüchtern: „Im Parlament selbst wird auf Ausgewogenheit bei den Rednerlisten geachtet. Aber gerade bei sensiblen Themen wie Migration erleben wir immer wieder, wie rechte Gruppen gezielt weibliche Rednerinnen der EVP attackieren. Das Blue-Card-Verfahren wird dann missbraucht, um Frauen zu provozieren und zu stören. Es wird geguckt, wie reagiert wird.“ Die zunehmende Polarisierung schlägt sich auch in der Debattenkultur nieder. Was einst ein vergleichsweise konsensuales Parlament war, ist heute von lautstarken Auseinandersetzungen geprägt. „Rüpelhaft“, nennt es Düpont. „Sehr provokativ.“

Sitzverteilung im Europäischen Parlament. Quelle: EPRS-Briefing “European Parliament: Facts and figures“, erstellt von Lucille Killmayer, Europäisches Parlament, Brüssel 2024. Das Dokument dient ausschließlich der Hintergrundinformation und stellt keine offizielle Position des Europäischen Parlaments dar
Sitzverteilung im Europäischen Parlament. Quelle: EPRS-Briefing “European Parliament: Facts and figures“, erstellt von Lucille Killmayer, Europäisches Parlament, Brüssel 2024. Das Dokument dient ausschließlich der Hintergrundinformation und stellt keine offizielle Position des Europäischen Parlaments dar
Sitzverteilung im Europäischen Parlament. Quelle: EPRS-Briefing “European Parliament: Facts and figures“, erstellt von Lucille Killmayer, Europäisches Parlament, Brüssel 2024. Das Dokument dient ausschließlich der Hintergrundinformation und stellt keine offizielle Position des Europäischen Parlaments dar
Sitzverteilung im Europäischen Parlament. Quelle: EPRS-Briefing “European Parliament: Facts and figures“, erstellt von Lucille Killmayer, Europäisches Parlament, Brüssel 2024. Das Dokument dient ausschließlich der Hintergrundinformation und stellt keine offizielle Position des Europäischen Parlaments dar

In den letzten Jahren haben sich die politischen Machtverhältnisse spürbar verschoben. Während die konservative EVP weiterhin stärkste Kraft bleibt, ist mit dem Erstarken der rechtspopulistischen Patriots forEurope (PfE) eine neue Dynamik entstanden (Abbildung 3). Fast ein Drittel der Sitze vereinen rechte und rechtsextreme Fraktionen inzwischen auf sich – Gruppen, die Gleichstellung häufig nicht nur relativieren, sondern offen bekämpfen.

„Die Rechten kapern ganz bewusst das Gender-Thema“, warnt Langensiepen. „Es reicht nicht, dass Frauen überhaupt Machtpositionen einnehmen. Es müssen Feministinnen dort sitzen, die für echte Gleichstellung kämpfen.“ 

 

Lena Düpont, CDU-Abgeordnete aus Niedersachsen, schildert es nüchtern: „Im Parlament selbst wird auf Ausgewogenheit bei den Rednerlisten geachtet. Aber gerade bei sensiblen Themen wie Migration erleben wir immer wieder, wie rechte Gruppen gezielt weibliche Rednerinnen der EVP attackieren. Das Blue-Card-Verfahren wird dann missbraucht, um Frauen zu provozieren und zu stören. Es wird geguckt wie reagiert wird.“ Die zunehmende Polarisierung schlägt sich auch in der Debattenkultur nieder. Was einst ein vergleichsweise konsensuales Parlament war, ist heute von lautstarken Auseinandersetzungen geprägt. „Rüpelhaft“, nennt es Düpont. „Sehr provokativ.“

Blue-Card Verfahren:

  • Das Blue-Card-Verfahren ist ein Instrument der Plenardebatte im Europäischen Parlament.

  • Es erlaubt Abgeordneten, während einer Rede eine Zwischenfrage zu stellen – erkennbar durch das Heben einer blauen Karte. Die Redezeit wird unterbrochen, aber nur, wenn der/die Redner_in zustimmt.

  • Eingeführt wurde das Verfahren in den 2000er-Jahren, um Debatten interaktiver und spontaner zu gestalten – in Anlehnung an ähnliche Formate in nationalen Parlamenten.

Lena Düpont (CDU, Mitte) mit den Studentinnen Mara Ackermann, Katharina Kück, Sina Eisenschmidt und Allegra Düser (v. l. n. r.) beim Besuch im Europäischen Parlament I Foto Allegra Düser.
Lena Düpont (CDU, Mitte) mit den Studentinnen Mara Ackermann, Katharina Kück, Sina Eisenschmidt und Allegra Düser (v. l. n. r.) beim Besuch im Europäischen Parlament I Foto: Allegra Düser

„Man muss sich durchsetzen“

Für Katrin Langensiepen bedeutet politische Arbeit oft knallharten Konkurrenzkampf:

„Du musst ganz klar sagen, wer hier die Chefin ist. Sonst wirst du nicht ernst genommen. Nett sein reicht nicht.“ Der Konkurrenzkampf endet dabei nicht mit dem Einzug ins Parlament. „Hier sägt permanent jemand an deinem Stuhl. Wenn du hier bleiben willst, musst du dich behaupten. Unser Problem ist, dass wir immer noch glauben: Eine Frau reicht.“ Deshalb fordert sie klare Quotenregelungen. „Bei uns Grünen steht Minimum 50 Prozent. Das verstehen viele „Jungs“ immer nicht richtig. Es dürfen auch gerne sieben Frauen im Vorstand sein, das wäre auch okay.“ 

Auch die informellen Machtzirkel bleiben männlich dominiert. Abends an der Hotelbar — da werde Politik gemacht. „Da dränge ich mich bewusst in die Männerkreise rein. Aber auch da drehen sich die Jungs gerne mal unter sich zusammen, du stehst plötzlich draußen und denkst: So what?“ 

„Du musst buchstäblich den Männern in die Kniekehlen treten, sonst kriegst du hier nichts.“

Katrin Langensiepen (Bündnis 90/Die Grünen, Mitte) im Gespräch mit Mara Ackermann (links) und Allegra Düser (rechts) I Foto Allegra Düser.
Katrin Langensiepen (Bündnis 90/Die Grünen, Mitte) im Gespräch mit Mara Ackermann (links) und Allegra Düser (rechts) I Foto: Allegra Düser

Die 5 P’s der Gleichstellung

Für Maria Noichl (SPD), lassen sich die Herausforderungen in fünf großen Themenfeldern zusammenfassen:

Pay, Participation, Protection, Power und Peace.

 

  • Pay – Gerechte Bezahlung

  • Participation – Gleichberechtigte Teilhabe in politischen und wirtschaftlichen Gremien

  • Protection – Schutz vor Gewalt

  • Power – Zugang zu Bildung, Führungspositionen und Entscheidungszentren

  • Peace – Frieden als Grundlage für alle Gleichstellungsfortschritte

 

„Das sind kommunizierende Röhren“, erklärt sie. „Ohne Frieden nützen alle Fortschritte bei Bezahlung, Bildung und Schutz wenig. Sobald Demokratie bröckelt, fällt als erstes die Gleichstellung.“

Abbildung 4: Die fünf P’s der Gleichstellung nach Maria Noichl als kommunizierende Handlungsfelder. Quelle: Maria Noichl
Abbildung 4: Die fünf P’s der Gleichstellung nach Maria Noichl als kommunizierende Handlungsfelder. Quelle: Maria Noichl

Für Maria Noichl (SPD), lassen sich die Herausforderungen in fünf großen Themenfeldern zusammenfassen:

Pay, Participation, Protection, Power und Peace.

  • Pay – Gerechte Bezahlung

  • Participation – Gleichberechtigte Teilhabe in politischen und wirtschaftlichen Gremien

  • Protection – Schutz vor Gewalt

  • Power – Zugang zu Bildung, Führungspositionen und Entscheidungszentren

  • Peace – Frieden als Grundlage für alle Gleichstellungsfortschritte

„Das sind kommunizierende Röhren“, erklärt sie. „Ohne Frieden nützen alle Fortschritte bei Bezahlung, Bildung und Schutz wenig. Sobald Demokratie bröckelt, fällt als erstes die Gleichstellung.“

Abbildung 4: Die fünf P’s der Gleichstellung nach Maria Noichl als kommunizierende Handlungsfelder. Quelle: Maria Noichl
Abbildung 4: Die fünf P’s der Gleichstellung nach Maria Noichl als kommunizierende Handlungsfelder. Quelle: Maria Noichl

Demokratie als Nährboden für Gleichstellung

Noichl bringt den Zusammenhang zwischen Demokratie und Gleichstellung mit einem eindrucksvollen Bild auf den Punkt:

„Weil Gleichstellungsdefizite Demokratiedefizite sind. Demokratie ist der Boden, auf dem Gleichstellung wachsen kann. Wenn man eine Gesellschaft anschaut und sieht Gleichstellung, dann weiß man, dass im Boden Demokratie ist. Und egal wo Demokratie fällt, fällt als allererstes die Gleichstellung. Gleichstellung ist kein „Frauenthema“, sondern ein Maßstab für den Zustand unserer Demokratie.“

Noichl hat in ihren Jahren als Abgeordnete die politische Realität in Brüssel aus nächster Nähe beobachtet. Ihr nüchternes Fazit: Fortschritte gäbe es, aber sie bleiben fragil und stets bedroht. 

Maria Noichl steht vor einer weißen Tür und lächelt in die Kamera. Sie hält ihre Brille in der Hand.
Maria Noichl (SPD) bei unserem Treffen in Brüssel I Foto: Allegra Düser

Demokratie als Nährboden für Gleichstellung

Noichl bringt den Zusammenhang zwischen Demokratie und Gleichstellung mit einem eindrucksvollen Bild auf den Punkt:

„Weil Gleichstellungsdefizite Demokratiedefizite sind. Demokratie ist der Boden, auf dem Gleichstellung wachsen kann. Wenn man eine Gesellschaft anschaut und sieht Gleichstellung, dann weiß man, dass im Boden Demokratie ist. Und egal wo Demokratie fällt, fällt als allererstes die Gleichstellung. Gleichstellung ist kein „Frauenthema“, sondern ein Maßstab für den Zustand unserer Demokratie.“

Noichl hat in ihren Jahren als Abgeordnete die politische Realität in Brüssel aus nächster Nähe beobachtet. Ihr nüchternes Fazit: Fortschritte gäbe es, aber sie bleiben fragil und stets bedroht. 

Maria Noichl steht vor einer weißen Tür und lächelt in die Kamera. Sie hält ihre Brille in der Hand.
Maria Noichl (SPD) bei unserem Treffen in Brüssel I Foto: Allegra Düser

Der Gender Equality Index Deutschland und EU

  • EU-Gleichstellungsindex 2024: 71 von 100 Punkten

  • Vollständige Gleichstellung wäre 100 Punkte

  • Deutschland: ebenfalls etwa im oberen Mittelfeld mit 72

Abbildung 5: Der Gleichstellungsindex von Deutschland 2024: Ordnet sich knapp über dem EU-Durchschnitt ein. Quelle: EPRS-Briefing “European Parliament: Facts and figures“, erstellt von Lucille Killmayer, Europäisches Parlament, Brüssel 2024. Das Dokument dient ausschließlich der Hintergrundinformation und stellt keine offizielle Position des Europäischen Parlaments dar
Abbildung 5: Der Gleichstellungsindex von Deutschland 2024: Ordnet sich knapp über dem EU-Durchschnitt ein. Quelle: EPRS-Briefing “European Parliament: Facts and figures“, erstellt von Lucille Killmayer, Europäisches Parlament, Brüssel 2024. Das Dokument dient ausschließlich der Hintergrundinformation und stellt keine offizielle Position des Europäischen Parlaments dar
Abbildung 6: Der EU-Gleichstellungsindex 2024: Europaweit Fortschritte, aber weiterhin keine vollständige Gleichstellung. Quelle: EPRS-Briefing “European Parliament: Facts and figures“, erstellt von Lucille Killmayer, Europäisches Parlament, Brüssel 2024. Das Dokument dient ausschließlich der Hintergrundinformation und stellt keine offizielle Position des Europäischen Parlaments dar
Abbildung 6: Der EU-Gleichstellungsindex 2024: Europaweit Fortschritte, aber weiterhin keine vollständige Gleichstellung. Quelle: EPRS-Briefing “European Parliament: Facts and figures“, erstellt von Lucille Killmayer, Europäisches Parlament, Brüssel 2024. Das Dokument dient ausschließlich der Hintergrundinformation und stellt keine offizielle Position des Europäischen Parlaments dar

Politik mit angezogener Handbremse

Doch selbst jenseits der politischen Frontlinien bleiben die Hürden für Frauen hoch. Besonders sichtbar wird das im ganz privaten Alltag vieler Abgeordneter. Verena Mertens (CDU) ist eine der Frauen, die es geschafft haben. Doch auf dem Weg ins Parlament musste sie lange zögern. Ihre Tochter war damals zweieinhalb, als der Anruf kam, ob sie sich eine Kandidatur vorstellen könne. „Am Anfang habe ich gesagt: Bist du verrückt? Ich habe ein kleines Kind. Aber mein Mann und meine Mutter sagten sofort: Wir schaffen das. Ohne die beiden hätte ich es nicht gemacht.“

Sie spricht offen über das, was kaum einer ausspricht: den Schmerz, das Kind regelmäßig tagelang nicht zu sehen. Die Herausforderung bleibt trotz Unterstützung groß: Wochenlanges Pendeln zwischen Paderborn, Brüssel und Straßburg, Abendtermine, Wochenenden auf Parteiveranstaltungen, die Zeit mit dem Kind, ein ständiger Kompromiss.

„Es tut weh, und ich verstehe jede Frau, die sagt: Das ist mir zu viel. Es ist ein hoher Preis.“

Verena Mertens (CDU) in ihrem Büro im Europa-Parlament I Foto: Allegra Düser
Verena Mertens (CDU) in ihrem Büro im Europa-Parlament I Foto: Allegra Düser

Politik mit angezogener Handbremse

Doch selbst jenseits der politischen Frontlinien bleiben die Hürden für Frauen hoch. Besonders sichtbar wird das im ganz privaten Alltag vieler Abgeordneter. Verena Mertens (CDU) ist eine der Frauen, die es geschafft haben. Doch auf dem Weg ins Parlament musste sie lange zögern. Ihre Tochter war damals zweieinhalb, als der Anruf kam, ob sie sich eine Kandidatur vorstellen könne. „Am Anfang habe ich gesagt: Bist du verrückt? Ich habe ein kleines Kind. Aber mein Mann und meine Mutter sagten sofort: Wir schaffen das. Ohne die beiden hätte ich es nicht gemacht.“

Sie spricht offen über das, was kaum einer ausspricht: den Schmerz, das Kind regelmäßig tagelang nicht zu sehen. Die Herausforderung bleibt trotz Unterstützung groß: Wochenlanges Pendeln zwischen Paderborn, Brüssel und Straßburg, Abendtermine, Wochenenden auf Parteiveranstaltungen, die Zeit mit dem Kind, ein ständiger Kompromiss.

„Es tut weh, und ich verstehe jede Frau, die sagt: Das ist mir zu viel. Es ist ein hoher Preis.“

Verena Mertens (CDU) in ihrem Büro im Europa-Parlament I Foto: Allegra Düser
Verena Mertens (CDU) in ihrem Büro im Europa-Parlament I Foto: Allegra Düser

Zwischen Betreuung und Überforderung

Politische Karrieren fordern Opfer. Vor allem Frauen tragen dabei immer noch einen Großteil der sogenannten Care-Arbeit. Während Männer oft ungebremst Karriere machen, jonglieren Frauen zwischen Beruf, Familie, Haushalt und Mental Load.

„Irgendjemand muss ja am Ende das Kind abholen. Unsere Kita hat bis 16:30 Uhr geöffnet – aber soll ich mein Kind von morgens bis abends dorthin geben? Dafür habe ich doch kein Kind bekommen“, sagt Mertens.

Auch Langensiepen, Mitglied des Femm-Ausschusses, erlebt hautnah, wie unvereinbar Familie und Politik in Brüssel oft sind. Sie beschreibt auch den Widerspruch, wie sehr Frauen öffentlich dazu angehalten werden, alles problemlos „unter einen Hut zu bringen“ – Kinder, Beruf, Politik. „Natürlich ist das ein Problem. Es ist einer der familienfeindlichsten Jobs, die es gibt. Aber offen darüber sprechen dürfen wir kaum.“ Selbst wer es schafft, würde oft in einer neuen Abhängigkeit landen. Denn Haushalt, Kinderbetreuung und Pflege werden vielfach an andere Frauen ausgelagert. „Erfolgreiche Frauen stehen leider oft auf den Schultern anderer Frauen, nicht von Männern – und meist Frauen migrantischer Herkunft“, sagt Noichl. „Sexismus und Rassismus greifen hier ineinander.“

Femm Ausschuss:

  • FEMM = Ausschuss für die Rechte der Frauen und die Gleichstellung der Geschlechter
  • zentraler Akteur bei Gleichstellungsthemen im EU-Parlament
  • aktuell stark umkämpftes politisches Feld, auch von rechten Parteien besetzt
  •  

Unsichtbare Hürden: Geld, Macht und Netzwerke

Neben der familiären Belastung ist es häufig die finanzielle Einstiegshürde, die Frauen von der Politik fernhält. Maria Noichl erzählt, dass sie bei ihrer ersten Landtagskandidatur in Bayern rund 7.000 Euro aus eigener Tasche investiert habe. Beim zweiten Versuch waren es schon 18.000 Euro. Wer nicht auf Erspartes oder ein stabiles Einkommen zurückgreifen könne, hat kaum eine Chance auf eine politische Karriere. Zudem wirken alte Netzwerkstrukturen nach. Männer, die seit Jahren ehrenamtlich in Parteien aktiv seien, werden automatisch bevorzugt. Frauen, die häufiger aufgrund von Partnerschaften den Wohnort wechseln, fehle dieses über Jahre gewachsene Beziehungsgeflecht. „Die politische Bühne wurde von Männern für Männer gebaut“, sagt Noichl.

Junge Frauen fehlen weiterhin

Auch ein Blick auf die Altersstruktur des Parlaments zeigt, warum viele der interviewten Abgeordneten um mehr Diversität kämpfen (Abbildung 7). Nur 18 der 720 Parlamentarier sind unter 30 Jahre alt, das Durchschnittsalter liegt bei 50. Zwar sind junge Frauen politisch interessiert, doch sie schaffen es seltener in die entscheidenden Ämter.

Abbildung 7: Altersstruktur des Europäischen Parlaments 2024 – junge Frauen sind nach wie vor unterrepräsentiert. Quelle: EPRS-Briefing “European Parliament: Facts and figures“, erstellt von Lucille Killmayer, Europäisches Parlament, Brüssel 2024. Das Dokument dient ausschließlich der Hintergrundinformation und stellt keine offizielle Position des Europäischen Parlaments dar.
Abbildung 7: Altersstruktur des Europäischen Parlaments 2024 – junge Frauen sind nach wie vor unterrepräsentiert. Quelle: EPRS-Briefing “European Parliament: Facts and figures“, erstellt von Lucille Killmayer, Europäisches Parlament, Brüssel 2024. Das Dokument dient ausschließlich der Hintergrundinformation und stellt keine offizielle Position des Europäischen Parlaments dar

Lena Düpont, selbst eine der jüngeren Abgeordneten der CDU, beschreibt, wie die Stimmung sich verändert:

„Wir haben im Vergleich zu anderen Parlamenten einen hohen Frauenanteil und ein junges Parlament. Das merkt man an der Debattenkultur.“ Sie verteidigt den hohen Frauenanteil nicht nur aus Gleichstellungsgründen, sondern sieht darin auch einen konkreten Gewinn für politische Debatten:

„Frauen kommunizieren anders. Sie bringen neue Perspektiven, stellen strategische Fragen anders. Das tut jeder politischen Debatte gut.“

Und die Zahlen sprechen noch eine andere Sprache: Über 50 Prozent der Abgeordneten sind in der aktuellen Legislaturperiode neu ins Parlament eingezogen (Abbildung 8). Vor allem rechte Parteien holen auffällig viele neue Abgeordnete ins Parlament – und verschieben so auch die politische Kultur.

Abbildung 8: Über 50 % der Abgeordneten im Europäischen Parlament sind neu. Quelle: EPRS-Briefing “European Parliament: Facts and figures“, erstellt von Lucille Killmayer, Europäisches Parlament, Brüssel 2024. Das Dokument dient ausschließlich der Hintergrundinformation und stellt keine offizielle Position des Europäischen Parlaments dar.
Abbildung 8: Über 50 % der Abgeordneten im Europäischen Parlament sind neu. Quelle: EPRS-Briefing “European Parliament: Facts and figures“, erstellt von Lucille Killmayer, Europäisches Parlament, Brüssel 2024. Das Dokument dient ausschließlich der Hintergrundinformation und stellt keine offizielle Position des Europäischen Parlaments dar

Fortschritte auf dem Papier – Realität bleibt kompliziert

Die EU hat in den letzten Jahren einige wegweisende Gesetze beschlossen: Die Gender-Pay-Gap-Richtlinie schafft mehr Lohngerechtigkeit, die Gewaltschutzrichtlinie von 2024 setzt erstmals europaweite Mindeststandards zum Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt. Bis 2026 sollen in börsennotierten Unternehmen 40 Prozent der Aufsichtsratsposten weiblich besetzt sein. Und doch: Vieles bleibt Theorie, solange die praktischen Barrieren ungebrochen bleiben.

Ausblick: Mehr als nur Frauenpolitik

Trotz aller Fortschritte bleibt Gleichstellung in der EU fragil. Finanzielle Hürden, ungleiche Machtstrukturen, familienfeindliche Rahmenbedingungen und neue politische Angriffe von rechts sorgen dafür, dass Frauen auch 2025 noch kämpfen müssen, um gehört zu werden.

„Wenn die Hälfte der Bevölkerung nicht mit am Tisch sitzt, leidet am Ende die ganze Gesellschaft“, sagt Noichl. Und wie es um Europas Demokratie steht, erkennt man oft zuerst an seinem Umgang mit Frauen. Oder wie Maria Noichl es formuliert:

„Man muss die Bilder in den Köpfen verändern. Erst wenn bei ‚Dr. Smith‘ nicht nur an einen weißen Mann gedacht wird, sind wir wirklich weiter.“

In Brüssel wehen die Flaggen nach wie vor. Doch ob Europas Demokratie in den kommenden Jahren wirklich stabil bleibt, wird sich auch daran entscheiden, wie sehr Frauen im Machtzentrum gehört werden — oder erneut an den Rand gedrängt werden.

Foto vom EU-Parlament in Brüssel. Ein großer Baum ist im Hintergrund zu sehen. I Foto: EPRS-Briefing “European Parliament: Facts and figures“, erstellt von Lucille Killmayer, Europäisches Parlament, Brüssel 2024.
Foto: EPRS-Briefing “European Parliament: Facts and figures“, erstellt von Lucille Killmayer, Europäisches Parlament, Brüssel 2024.

Ausblick: Mehr als nur Frauenpolitik

Trotz aller Fortschritte bleibt Gleichstellung in der EU fragil. Finanzielle Hürden, ungleiche Machtstrukturen, familienfeindliche Rahmenbedingungen und neue politische Angriffe von rechts sorgen dafür, dass Frauen auch 2025 noch kämpfen müssen, um gehört zu werden.

„Wenn die Hälfte der Bevölkerung nicht mit am Tisch sitzt, leidet am Ende die ganze Gesellschaft“, sagt Noichl. Und wie es um Europas Demokratie steht, erkennt man oft zuerst an seinem Umgang mit Frauen. Oder wie Maria Noichl es formuliert:

„Man muss die Bilder in den Köpfen verändern. Erst wenn bei ‚Dr. Smith‘ nicht nur an einen weißen Mann gedacht wird, sind wir wirklich weiter.“

In Brüssel wehen die Flaggen nach wie vor. Doch ob Europas Demokratie in den kommenden Jahren wirklich stabil bleibt, wird sich auch daran entscheiden, wie sehr Frauen im Machtzentrum gehört werden — oder erneut an den Rand gedrängt werden.

Foto vom EU-Parlament in Brüssel. Ein großer Baum ist im Hintergrund zu sehen. I Foto: EPRS-Briefing “European Parliament: Facts and figures“, erstellt von Lucille Killmayer, Europäisches Parlament, Brüssel 2024.
Foto: EPRS-Briefing “European Parliament: Facts and figures“, erstellt von Lucille Killmayer, Europäisches Parlament, Brüssel 2024.