Wenn Gewalt Teil der Liebesgeschichte wird

Von Katrin Förster

aus dem Modul Fachjournalismus

„Zieh sie aus.“

Der Satz steht da, ohne Zweifel, ohne Spielraum. Die Protagonistin weint. Sie bittet ihn, aufzuhören. Sie sagt Nein. Mehrfach. Er hält ihr eine Waffe vor und wartet. Ich halte inne und schaue auf die Seite. Ich könnte weiterblättern oder das Buch schließen. Stattdessen lese ich noch ein paar Zeilen weiter, fast so, als würde ich darauf warten, dass sich etwas auflöst, dass die Szene kippt und eine andere Richtung einschlägt. Sie tut es nicht.

Die Szene stammt aus Kapitel 16 des Romans Haunting Adeline von H. D. Carlton. In diesem Kapitel wird Sex nicht als Annäherung erzählt, sondern als Zwangssituation. Zustimmung wird nicht eingeholt, sondern durch Angst erpresst. Die Protagonistin gehorcht, weil sie um ihr Leben fürchtet. Der Text macht diesen Kontrollverlust deutlich sichtbar und benennt ihn als solchen.

Problematisch wird die Szene nicht durch ihre Darstellung allein, sondern durch ihren erzählerischen Kontext. Denn Haunting Adeline rahmt diese Gewalt als Teil einer übergeordneten Liebesgeschichte. Der Täter bleibt romantischer männlicher Protagonist, die Beziehung entwickelt sich weiter, die Gewalt wird nicht nachhaltig gebrochen, sondern in eine Dynamik von Begehren, Macht und emotionaler Bindung eingebettet.

Solche Konstellationen sind typisch für Dark-Romance-Bücher. Das Subgenre des Liebesromans erzählt Geschichten, in denen Macht, Kontrolle, Grenzüberschreitungen und Sexualität eng miteinander verwoben sind. Gewalt wird dabei nicht ausgeblendet, sondern in einen romantischen Gesamtzusammenhang gestellt. Auf Plattformen wie BookTok werden diese Bücher millionenfach empfohlen, ästhetisiert und emotional aufgeladen. Begriffe wie „Spice“ oder „Smut“ klingen harmlos, verdecken jedoch häufig, wie explizit und gewaltvoll manche Inhalte tatsächlich sind.

Die Reichweite ist enorm. Und sie erreicht vor allem junge Leser:innen, viele von ihnen minderjährig, die sich noch mitten in der Entwicklung ihres eigenen Beziehungs- und Sexualverständnisses befinden. Damit stellt sich eine zentrale Frage: Wie wirken solche Erzählungen auf Menschen, deren Vorstellungen von Nähe und Beziehungen noch nicht gefestigt sind?

Um diese Wirkung einordnen zu können, lohnt sich ein Blick darauf, wie Beziehungsbilder überhaupt entstehen. Sie entwickeln sich nicht zufällig, sondern werden gelernt.

„Wenn wir über Beziehungen sprechen, dann lernen wir das vor allem am Modell“, erklärt die Diplom-Psychologin Joana-Maria Schrader.Gemeint ist damit, dass Kinder im Alltag beobachten, wie Eltern miteinander umgehen, Nähe zeigen, Konflikte austragen und Verantwortung übernehmen. Diese Erfahrungen prägen spätere Beziehungsbilder häufig unbewusst.

Doch dieses Modell fehlt zunehmend. Trennungen, Scheidungen und alleinerziehende Elternteile gehören für viele junge Menschen zur Lebensrealität. „Viele wachsen bei einem alleinerziehenden Elternteil auf. In solchen Fällen fehlt dieses Modelllernen innerhalb der Familie teilweise oder ganz“, sagt Schrader. Wo reale Vorbilder fehlen, entstehen aus ihrer Sicht Lücken, in denen mediale Liebesbilder an Einfluss gewinnen. „Dann ist das praktisch ein Ersatz für fehlende echte Modelle.“

Bücher übernehmen damit eine Funktion, die über Unterhaltung hinausgeht. Sie bieten Orientierung oder zumindest das Gefühl davon. Doch warum gelingt ihnen das überhaupt?

Wie entstehen Beziehungsbilder?

Wie Dark-Romance-Romane Beziehungsbilder prägen können. Vereinfachte Darstellung nach psychologischer Einordnung. I Bild: Katrin Förster
Vereinfachte Darstellung nach psychologischer Einordnung. I Bild: Katrin Förster

Um diese Wirkung einordnen zu können, lohnt sich ein Blick darauf, wie Beziehungsbilder überhaupt entstehen. Sie entwickeln sich nicht zufällig, sondern werden gelernt.

„Wenn wir über Beziehungen sprechen, dann lernen wir das vor allem am Modell“, erklärt die Diplom-Psychologin Joana-Maria Schrader.Gemeint ist damit, dass Kinder im Alltag beobachten, wie Eltern miteinander umgehen, Nähe zeigen, Konflikte austragen und Verantwortung übernehmen. Diese Erfahrungen prägen spätere Beziehungsbilder häufig unbewusst.

Doch dieses Modell fehlt zunehmend. Trennungen, Scheidungen und alleinerziehende Elternteile gehören für viele junge Menschen zur Lebensrealität. „Viele wachsen bei einem alleinerziehenden Elternteil auf. In solchen Fällen fehlt dieses Modelllernen innerhalb der Familie teilweise oder ganz“, sagt Schrader. Wo reale Vorbilder fehlen, entstehen aus ihrer Sicht Lücken, in denen mediale Liebesbilder an Einfluss gewinnen. „Dann ist das praktisch ein Ersatz für fehlende echte Modelle.“

Bücher übernehmen damit eine Funktion, die über Unterhaltung hinausgeht. Sie bieten Orientierung oder zumindest das Gefühl davon. Doch warum gelingt ihnen das überhaupt?

Warum Lesen emotional so stark wirkt

Warum dieselben Bücher unterschiedlich wirken können. I Bild: Katrin Förster
Warum dieselben Bücher unterschiedlich wirken können. I Bild: Katrin Förster

Gerade Romane entfalten eine besondere emotionale Wirkung. Sie binden Leser:innen auf eine Weise ein, die weit über reine Informationsvermittlung hinausgeht. Schrader erklärt dies damit, dass beim Lesen insbesondere durch die Identifikation mit den Protagonist:innen ein intensives emotionales Erleben entsteht. Spannung, Aufregung, Nervenkitzel, Sehnsucht oder Schmerz werden dabei nicht nur beschrieben, sondern von den Leser:innen selbst erlebt. Entsprechend wirken Romane oft über das Lesen hinaus nach. „Es ist nicht so, dass man ein Buch einfach liest, zur Seite legt und das war es“, betont Schrader.

 Dark Romance verstärkt diesen Effekt gezielt. Neben romantischer Spannung treten Gewalt, Macht und explizite Sexualität auf. Für erwachsene Leser:innen mit stabilen Beziehungserfahrungen lässt sich das häufig als Fiktion einordnen. Für junge Menschen ist diese Distanz deutlich schwerer herzustellen. „Was emotionale und sexuelle Reife betrifft, ist das für junge Menschen eine absolute Überforderung“, sagt Schrader.

Wenn Fantasie zur Orientierung wird

Gerade weil Lesen emotional so wirksam ist, kann Fantasie in bestimmten Lebensphasen zur Orientierung werden. Jugendliche befinden sich in einer Phase, in der sie erst lernen, was ihnen guttut, wo ihre Grenzen liegen und was sie in Beziehungen brauchen. Eigene Erfahrungen fehlen oft noch.

In Dark-Romance-Romanen wird dabei häufig suggeriert, Liebe müsse intensiv, gefährlich und schmerzhaft sein. Wenn sie ruhig ist, scheint etwas zu fehlen. Sexualität wird mit Macht verknüpft, Dominanz als Ausdruck von Leidenschaft erzählt.

Schrader widerspricht dieser Erzählweise deutlich. „Sexualität mit Gewalt zu kombinieren ist nicht Liebe und nicht Nähe“, sagt sie. Nähe entstehe nach ihrer Auffassung durch Vertrauen, Fürsorge, Respekt und Verlässlichkeit. Besonders problematisch sei, dass solche Darstellungen jungen Menschen begegnen, die sich noch am Anfang ihrer emotionalen und sexuellen Entwicklung befinden. „Dann wird ein falsches Bild von Beziehungen vermittelt.“ Für viele sei das, so Schrader, schlicht zu viel. 

Besonders deutlich wird sie an einem Punkt: „Es ist fatal, die Botschaft zu vermitteln, einer wahren Liebe müsse Todesangst vorausgehen. Todesangst ist mit Traumatisierung assoziiert und die dargestellte romantisierte Gewalt ist ein Verbrechen.“

Zwischen Schutz und Verantwortungslücke

Zwischen Schutz und Verantwortungslücken. Wenn klare Regeln fehlen, verteilt sich Verantwortung. I Bild: Katrin Förster
Wenn klare Regeln fehlen, verteilt sich Verantwortung. I Bild: Katrin Förster

Wenn solche Inhalte junge Leser:innen in einer sensiblen Phase erreichen, stellt sich zwangsläufig die Frage nach Schutzmechanismen. Doch genau hier zeigt sich eine strukturelle Lücke.

Anders als bei Filmen, Serien oder Videospielen gibt es für Bücher in Deutschland keine verbindlichen Altersfreigaben. Zwar befasst sich die Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz mit jugendgefährdenden Medieninhalten und kann Bücher im Einzelfall als jugendgefährdend einstufen. Eine systematische Prüfung oder eine generelle Alterskennzeichnung für Literatur ist jedoch gesetzlich nicht vorgesehen und kommt entsprechend nur selten vor.

Der Jugendschutz setzt bei Büchern daher vor allem auf Einordnung, Begleitung und altersangemessene Nutzung. Die fehlende Altersfreigabe verschiebt die Verantwortung damit stark auf Einzelne.

Wenn Schutz vom Einzelnen abhängt

Wie diese Verantwortungslücke im Alltag gefüllt wird, zeigt sich besonders deutlich im Buchhandel. Buchhändlerin Verena Johannes erlebt diese Grauzonen regelmäßig. Lesen gilt gesellschaftlich noch immer als grundsätzlich positiv. „Dann heißt es schnell: Schön, mein Kind liest“, sagt sie. Was genau gelesen wird, werde dabei oft kaum hinterfragt. Viele Eltern wüssten nicht, wie explizit manche Inhalte inzwischen seien.

Johannes verkauft explizite Dark-Romance-Titel nicht an Minderjährige, auch dann nicht, wenn Eltern zustimmen. „Das ist rechtlich gesehen meine Entscheidung. Für mich ist es aber eine Frage der Verantwortung“, sagt sie. Um diese Entscheidung treffen zu können, liest sie die Bücher selbst. „Ich möchte wissen, wie explizit die Inhalte sind und was darin transportiert wird.“

Diese Haltung nimmt sie bewusst in Kauf, auch wirtschaftlich. „Ein einzelnes Buch tut mir nicht weh, wenn ich es nicht verkaufe.“ Gleichzeitig betont Johannes, dass die Hauptverantwortung weiterhin bei den Eltern liege. Beratung könne Begleitung nicht ersetzen.

Genau hier setzt auch Schrader an. Sie warnt Eltern davor, problematische Inhalte einfach zu verbieten. Pauschale Verbote könnten Bücher erst recht interessant machen und dazu führen, dass Jugendliche heimlich lesen. Hilfreicher sei es, Gespräche zu führen und gemeinsam einzuordnen, was an solchen Geschichten fasziniert. Entscheidend sei nicht Kontrolle, sondern Einordnung.

Doch die Wirkung von Dark Romance beschränkt sich nicht nur auf junge Leserinnen. Ein weiterer blinder Fleck der Debatte betrifft eine andere Lesergruppe, die bislang kaum berücksichtigt wurde.

Ein weiterer blinder Fleck

Im öffentlichen Diskurs steht meist die Wirkung auf junge Frauen im Mittelpunkt. Schrader weist jedoch auf eine weitere Perspektive hin und lenkt den Blick auf Männer als Leser. „Wenn Männer das lesen, identifizieren sie sich möglicherweise mit dem Täter“, sagt sie. Nach Schrader könne so der Eindruck entstehen, Frauen fänden Dominanz und gefährliche Machtspiele attraktiv. Das verzerrt Erwartungen und erzeugt Druck, vergleichbar mit den Effekten, die pornografische Darstellungen auf männliche Selbstbilder und sexuelle Rollenerwartungen haben.

Ich klappe das Buch zu

Nach all den Gesprächen, Einschätzungen und Argumenten lande ich wieder bei dem Buch vor mir. Ich schlage es noch einmal auf, lese ein paar Zeilen und lege es schließlich endgültig beiseite. Nicht aus Moral oder Prüderie, sondern weil ich merke, dass es mir zu viel ist.

Ich bin erwachsen, habe eigene Beziehungserfahrungen und kann einordnen, reflektieren und Abstand herstellen. Trotzdem bleiben Bilder und Gefühle bei mir hängen. Genau hier setzt die eigentliche Frage an: Nicht, ob Dark Romance gelesen werden darf, sondern von wem, in welcher Phase und mit welcher Begleitung.

Dark Romance ist kein grundsätzlich problematisches Genre. Für erwachsene Leser:innen mit gefestigten Beziehungserfahrungen kann es als Fiktion oder bewusste Grenzerfahrung funktionieren. Entscheidend ist jedoch, dass Geschichten nicht isoliert wirken, sondern auf vorhandene Erfahrungen oder auf deren Fehlen treffen. Wo Altersgrenzen, Orientierung oder begleitende Gespräche fehlen, müssen junge Leserinnen und Leser etwas leisten, wofür sie oft noch nicht bereit sind: Nähe einordnen, Gewalt erkennen und Liebe von Macht trennen.