- Merle-Sohie Albrecht, Martin Kallendrusch
Die Pressefreiheit gilt als Grundpfeiler der Demokratie. Doch auch in Deutschland sehen Journalist:innen zunehmende Herausforderungen. Angriffe bei Demonstrationen, Hass im Internet und Einschüchterungsversuche durch extremistische Gruppen setzen Medienschaffende unter Druck. Im Gespräch schildert der Journalist und Medienmanager Dr. Christoph Rosenthal seine Einschätzungen zur aktuellen Lage.
Deutschland gehört weiterhin zu den Ländern mit einer vergleichsweise starken Pressefreiheit. Dennoch ist die Bundesrepublik im aktuellen Pressefreiheitsranking von Reporter ohne Grenzen zuletzt von Platz 11 auf Platz 14 gefallen. Reporter ohne Grenzen sehen dabei problematische Entwicklungen für Journalist:innen in Deutschland. Sie begründen das Abrutschen im Pressefreiheitsranking mit einem zunehmend rauen, aufgeheizten gesellschaftlichen Klima in der Bundesrepublik.
Journalist:innen seien immer häufiger Bedrohungen, Hass und Einschüchterungen ausgesetzt, insbesondere bei Demonstrationen oder Recherchen im rechtsextremen Umfeld. Besonders in jenen Situationen dokumentieren Reporter ohne Grenzen zahlreiche Angriffe auf Medienschaffende in Deutschland. Für den Journalisten und Medienmanager Dr. Christoph Rosenthal zeigt das vor allem eines: Auch in Deutschland steht die Pressefreiheit vor Herausforderungen. Momentan ist Rosenthal für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk tätig und arbeitet als Leiter Zentrale Aufgaben im ARD-Generalsekretariat. Unter anderem hat Rosenthal für das ARD-Politikmagazin „Kontraste“ gearbeitet. Er beschreibt seine Erfahrungen im Journalismus grundsätzlich positiv. Während seiner Laufbahn habe er „sehr frei recherchieren“ können. „Ich bin sehr froh und dankbar, dass wir wirklich so ein hohes Niveau an Pressefreiheit in Deutschland haben“, sagt Rosenthal im Gespräch mit unserer Redaktion. Während seiner journalistischen Laufbahn habe er frei recherchieren können und dabei häufig Unterstützung von Polizei, Behörden oder Unternehmen erfahren. Insgesamt habe er mit der Pressefreiheit in Deutschland „sehr positive Erfahrungen gemacht“.
Wenn Berichterstattung zum Risiko wird
Gleichzeitig betont der Journalist jedoch, dass auch Deutschland nicht frei von Problemen sei. Besonders bei Demonstrationen habe sich die Stimmung gegenüber Journalist:innen in den vergangenen Jahren spürbar verschärft. „Demonstrationen sind immer Punkte, wo sich die Stimmung sehr schnell hochschaukeln kann. Und das betrifft dann leider auch Journalisten, die berichten wollen“, erklärt Rosenthal. „Die sind unparteiisch und begleiten im Prinzip diese Demonstrationen. Aber das ist nicht immer allen Teilnehmern klar.“ Rosenthal erinnert sich dabei vor allem an die frühen Pegida-Proteste: Kamerateams seien beschimpft worden, Menschen hätten absichtlich gegen Stative getreten oder versucht, Dreharbeiten zu stören. Für Rosenthal sind solche Erfahrungen ein deutlicher Widerspruch zu den demokratischen Grundwerten Deutschlands. „Das kann eigentlich nicht sein in Deutschland“, sagt er rückblickend über die Anfeindungen auf Demonstrationen.
Diese Einschätzung teilt auch Hendrik Zörner vom Deutschen Journalisten-Verband (DJV). Im internationalen Vergleich könne sich die Pressefreiheit in Deutschland zwar sehen lassen, dennoch gebe es erhebliche Probleme. Als größte Bedrohung nennt Zörner Übergriffe extremistischer Kräfte auf Journalist:innen. Besonders bei Demonstrationen und Veranstaltungen von Rechtsextremisten sei die Arbeit von Medienschaffenden oftmals mit Risiken verbunden. „Die Kolleginnen und Kollegen berichten uns davon, dass die Berichterstattung von Demonstrationen und Treffen von Rechtsextremisten brandgefährlich ist“, erklärt Zörner. Neben körperlichen Angriffen beobachte der Verband zunehmend auch Drohungen und Einschüchterungen im digitalen Raum. Der DJV unterstützt betroffene Journalist:innen unter anderem juristisch und fordert dazu auf, Übergriffe konsequent zur Anzeige zu bringen. „Übergriffe auf Journalisten sind kein Kavaliersdelikt, sondern müssen mit der Härte des Strafrechts geahndet werden“, betont Zörner.
Vorwürfe gegen den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk
Gerade zur heutigen Zeit, in der es politisch in Deutschland sehr hitzig ist, gibt es vermehrt Vorwürfe, der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk berichte vermehrt einseitig oder politisch gesteuert. Rosenthal weist die Vorwürfe zurück. Ziel journalistischer Arbeit sei vielmehr, „verschiedene Perspektiven und auch Grautöne zu zeigen“. Besonders beim ARD-Magazin „Kontraste“ habe er die Aufgabe darin gesehen, unterschiedliche Blickwinkel auf ein Thema sichtbar zu machen und offen zu recherchieren, statt mit einer festen Meinung an Beiträge heranzugehen. Offen zu recherchieren und möglichst viele Perspektiven und Grautöne zu zeigen, sei genau das, was für ihn guten Journalismus ausmacht. „Dann macht Journalismus am meisten Sinn und auch am meisten Spaß.“, erzählt Rosenthal. Für die Zukunft betont Zörner noch einmal die Dringlichkeit, sich für die Pressefreiheit einzusetzen. Die Pressefreiheit könne weiterhin auf hohem Niveau bestehen bleiben, müsse jedoch aktiv verteidigt werden. Gerade angesichts zunehmender Angriffe und Einschüchterungsversuche sei es wichtig, dieses Grundrecht zu schützen und zu stärken, betont Zörner.
- Bilder: Christoph Rosenthal (Jakob Kienzerle), Hendrik Zörner