- Merle-Sophie Albrecht, Carmen Schmidt
Der schon lange andauernde Konflikt zwischen Palästina und Israel steht besonders seit dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 stark im Zentrum der internationalen Berichterstattung. Die mediale Darstellung des Konflikts wird dabei regelmäßig diskutiert und kritisiert. Kritiker:innen bemängeln unter anderem eine einseitige Berichterstattung oder die Orientierung an politischen Narrativen. Über diese Vorwürfe haben wir mit dem Journalisten und Autor Fabian Goldmann gesprochen. Seine Einschätzung: Große Medienhäuser orientieren sich in ihrer Auslandsberichterstattung häufig an politischen und geopolitischen Deutungsmustern, anstatt Konflikte konsequent multiperspektivisch abzubilden. Wie ausgewogen berichten Medien über internationale Kriege und Konflikte? Welche Interessen, Routinen und strukturelle Abhängigkeiten beeinflussen journalistische Arbeit, besonders in Deutschland? Und wo endet objektive Berichterstattung, wenn politische Narrative den öffentlichen Diskurs mitprägen?
Wer sich mit deutscher Medienkritik auseinandersetzt, hat sicherlich schon einmal von Fabian Goldmann gehört. Er ist Journalist, Autor, Blogger, Podcaster und Medienkritiker. Seit Jahren beschäftigt er sich intensiv mit der Berichterstattung über den Konflikt zwischen Israel und Palästina. In seinem Buch „Staats(räson)funk“ kritisiert er die Darstellung des Konflikts in den deutschen Medien und spricht von einem „Systemversagen des deutschen Journalismus“. Im Gespräch erläutert Goldmann, nach welchen Mustern viele deutsche Medienhäuser seiner Ansicht nach über internationale Konflikte berichten und warum dabei wichtige Perspektiven verloren gehen.
Hohe Pressefreiheit, nichts dahinter?
Bevor wir tiefer einsteigen, muss eines klar sein: Die Pressefreiheit steht weltweit unter Druck. Das zeigt auch die aktuelle Rangliste der Organisation Reporter ohne Grenzen. Ihr zufolge befindet sich die globale Lage der Pressefreiheit auf einem historischen Tiefstand. In vielen Ländern geraten Journalist:innen unter politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Druck, was Auswirkungen auf unabhängige Berichterstattung und öffentliche Debatten haben kann. Goldmann erklärt, dass sich Massenmedien selbst in Ländern mit hoher formeller Pressefreiheit häufig an offiziellen politischen Narrativen orientieren. Das beobachte er nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen westlichen Demokratien. In seinem Buch verweist er auf die „Indexing-Theorie“ des Kommunikationswissenschaftlers W. Lance Bennett. Demnach orientieren sich Medien bei der Auswahl ihrer Themen und Perspektiven häufig an den politischen Eliten. Journalistische Vielfalt und Kontroversität seien demnach oft an die Bandbreite des offiziellen politischen Diskurses gebunden. Besonders deutlich werde dies laut Goldmann im Kontext des Israel-Palästina-Konflikts. In eigenen Analysen habe er untersucht, welche Quellen verwendet werden, welche Sprache von Medien genutzt wird und welche Narrative dominieren. Sein Fazit: Viele Medien orientierten sich weniger an eigenen journalistischen Standards oder unabhängigen Quellen als an Angaben der israelischen Regierung und Armee.
Goldmann verweist zudem auf Berichte verschiedener NGOs und Menschenrechtsorganisationen. Einige dieser Organisationen, darunter Amnesty International, Human Rights Watch und Ärzte ohne Grenzen, bewerten das Vorgehen Israels in Gaza deutlich kritischer als viele deutsche Medien und sehen Anhaltspunkte für schwerwiegende Verstöße gegen das Völkerrecht beziehungsweise den Tatbestand eines Genozids. Auch die unabhängige Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrats kommt zu diesem Schluss. Die israelische Regierung weist entsprechende Vorwürfe zurück und betont ihr Recht auf Selbstverteidigung nach dem Angriff der Hamas vom 7. Oktober 2023. Nach Goldmanns Einschätzung orientieren sich deutsche Leitmedien dennoch häufig an offiziellen israelischen Darstellungen. Dies betrifft seiner Ansicht nach unterschiedliche Medientypen und politische Lager gleichermaßen. In diesem Zusammenhang spricht er von einem „allgemeinen Systemversagen“ im deutschen Journalismus.
Repressionen gegenüber deutschen Journalist:innen
„Viele Medienschaffende trauen sich einfach nicht, präziser und faktentreuer zu berichten“, sagt Goldmann. Er verweist auf Ängste vor Jobverlust, öffentlicher Kritik oder beruflichen Konsequenzen. Nach seiner Einschätzung erschwert dieser Druck eine offene journalistische Auseinandersetzung mit dem Thema.
Auch Reporter ohne Grenzen dokumentiert Fälle, in denen Journalist:innen von Einschüchterungsversuchen berichtet haben. So schilderten Betroffene Warnungen und Kontaktaufnahmen durch offizielle israelische Stellen, die als Druckversuche wahrgenommen wurden. Goldmann sieht jedoch nicht nur ausländische Akteure kritisch. Seiner Ansicht nach kann auch der deutsche Staat zunehmend zu einer Herausforderung für die Pressefreiheit werden. Als Beispiele nennt er Polizeigewalt gegen Journalist:innen auf Demonstrationen, die Erwähnung der Zeitung „junge Welt“ im Verfassungsschutzbericht sowie die EU-Sanktionen gegen den Journalisten Hüseyin Doğru. Nach seiner Auffassung tragen solche Entwicklungen dazu bei, dass bestimmte kritische Perspektiven seltener veröffentlicht werden.
Auf unsere diesbezügliche Nachfrage bei dem ARD- Studio in Tel Aviv wurden wir auf Äußerungen des früheren Studioleiter Christian Limpert hingewiesen. In einem Artikel der Tagesschau berichtet Limpert über die Weigerung, Israels Journalist:innen in den Gazastreifen zu lassen. Limpert sieht in dem Vorgehen eine klare Einschränkung der Pressefreiheit. Die Berichterstattung sei nur möglich, da palästinensische Mitarbeitende das ARD- Studio in Tel Aviv unterstützten – wenn auch unter schwierigen Bedingungen. Limpert berichtet zudem über mehrere Angriffe auf Journalist:innen von radikalen israelischen Siedler:innern. Er nennt seinen Radiokollegen, dem eine Waffe ins Auto gehalten wurde, dessen Ausweis fotografiert und in den Sozialen Medien veröffentlicht wurde.
Die Situation der Medienschaffenden in Palästina
Die Arbeitsbedingungen für Journalist:innen in Gaza beschreibt Goldmann als katastrophal. Laut Reporter ohne Grenzen wurden seit dem 7. Oktober 2023 mehr als 220 palästinensische Journalist:innen getötet, 68 davon im direkten Zusammenhang mit ihrer Arbeit. Die Organisation sieht darin eine erhebliche Gefährdung der Pressefreiheit. Hinzu kommt laut Goldmann die öffentliche Diskreditierung palästinensischer Journalist:innen. Diese würden teilweise als „Hamas-Journalist:innen“ bezeichnet und dadurch mit Terrorismus in Verbindung gebracht. Reporter ohne Grenzen kritisiert entsprechende Vorwürfe insbesondere dann, wenn sie ohne nachvollziehbare Belege erhoben werden. Die israelische Seite begründet entsprechende Einstufungen teilweise mit Sicherheitsbedenken und verweist auf Informationen, die Verbindungen einzelner Personen zur Hamas nahelegen sollen. Kritiker:innen bemängeln jedoch, dass solche Vorwürfe nicht immer ausreichend belegt werden. Goldmann kritisiert, dass deutsche Medien entsprechende Anschuldigungen gegen palästinensische Journalist:innen häufig unkritisch übernehmen. Reporter ohne Grenzen weist ebenfalls darauf hin, dass öffentliche Beschuldigungen Journalist:innen vor Ort ganz konkret markieren und damit gefährden können.
Trotz der schwierigen Bedingungen leisten viele Journalist:innen in Gaza weiterhin wichtige Arbeit. Goldmann betont, dass ein großer Teil der Informationen über die Lage vor Ort ohne ihre Berichterstattung nicht verfügbar wäre, und wünscht sich für diese Arbeit mehr Anerkennung in Deutschland.
Die Situation der Medienschaffenden in Israel
Auch die Medienlandschaft in Israel sieht Goldmann kritisch. Reporter ohne Grenzen berichtete Ende 2024 über Gesetzesvorhaben, die unter anderem die Kommunikation staatlicher Stellen mit der Zeitung „Haaretz“ einschränken sollten. Die Zeitung hatte zuvor kritisch über das Vorgehen der israelischen Armee berichtet. Goldmann kritisiert außerdem die seiner Ansicht nach starke Militärzensur sowie die Nähe vieler Medien zur Regierung. Dadurch werde es schwieriger, sich umfassend und ausgewogen zu informieren. Gleichzeitig verweist er auf positive Beispiele unabhängiger Berichterstattung, darunter das israelischpalästinensische Magazin „+972“. „Selbst in einem Land mit Militärzensur und viel Propaganda ist guter Journalismus möglich, jedoch unter schwierigen Bedingungen“, erklärt Goldmann.
Stereotypisierung als strukturelles Problem
Auf die Frage, warum Medien in Deutschland Narrative des israelischen Militärs übernehmen, verweist Goldmann auf gesellschaftlich verankerte Denkmuster.
Als Beispiel nennt er eine Studie der Kommunikationswissenschaftler:innen Carola Richter und Kai Hafez. Diese untersuchten über einen längeren Zeitraum Sendungen von ARD und ZDF. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass der Islam häufig in Zusammenhang mit Terrorismus, Konflikten und religiöser Intoleranz dargestellt wird, während muslimisches Alltagsleben deutlich seltener thematisiert wird. Goldmann argumentiert, dass solche Darstellungen stereotype Wahrnehmungen verstärken können. Dadurch entstehe ein Ungleichgewicht bei der Bewertung von Informationen aus unterschiedlichen Quellen. Diese Stereotypisierung von Weltbildern stärke unser Vertrauen in die israelischen Angaben und schaffe dabei große Skepsis gegenüber Aussagen Palästinas, erklärt er. Viele Medienschaffende hätten Schwierigkeiten, etablierte Perspektiven zu hinterfragen. Berichte, die diesen Wahrnehmungsmustern widersprechen, fänden daher nach seiner Einschätzung oft weniger Beachtung.
Negativer Ausblick in die Zukunft
Auf die Frage nach der Zukunft der Pressefreiheit zeigt sich Goldmann zurückhaltend. Zwar seien Prognosen schwierig, die Entwicklungen der vergangenen Jahre gäben jedoch wenig Anlass zu Optimismus. Auch Reporter ohne Grenzen dokumentiert einen weltweiten Rückgang der Pressefreiheit. Die Zahl der Länder mit einer als „gut“ bewerteten Pressefreiheit ist in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. Mehr als die Hälfte aller Staaten und Territorien wird mittlerweile als „schwierig“ oder „sehr ernst“ eingestuft. Goldmann führt diese Entwicklung vor allem auf wachsenden Autoritarismus und aktuelle geopolitische Entwicklungen zurück. Zudem sieht er eine zunehmende Aushöhlung völkerrechtlicher Normen in internationalen Konflikten. Nach seiner Einschätzung beschränken sich Probleme der Pressefreiheit nicht auf einzelne politische Lager. Vielmehr seien entsprechende Tendenzen über weite Teile des politischen Spektrums hinweg zu beobachten. Gleichzeitig fehle es innerhalb des Mediensystems häufig an grundsätzlicher Selbstkritik.
Eine neue Form des Journalismus
Trotz seiner insgesamt pessimistischen Einschätzung sieht Goldmann auch positive Entwicklungen. Klassische Medien verlieren an Bedeutung, während alternative Informationsquellen an Reichweite gewinnen. Der Reuters Institute Digital News Report 2024 zeigt, dass das Internet mit 42 Prozent erstmals knapp vor dem Fernsehen (41 Prozent) als wichtigste Nachrichtenquelle für Erwachsene liegt. Besonders bei jungen Menschen spielen Soziale Medien eine zentrale Rolle. Während viele Medienforscher:innen darin eine Bedrohung für den Journalismus und die Informiertheit der Bürger:innen sehen, betrachtet Goldmann diese Entwicklung als Chance für neue Formen des Journalismus. Kleinere Medienprojekte und unabhängige Journalist:innen könnten dazu beitragen, bestehende Perspektiven zu erweitern und journalistische Vielfalt zu stärken. Gleichzeitig betont er, dass auch alternative Medien nicht automatisch besseren Journalismus garantieren. Dennoch hofft er, dass die aktuellen Veränderungen langfristig zu einer vielfältigeren Medienlandschaft und einer stärkeren Pressefreiheit beitragen können.
Mit einem bewusst provokanten Zitat aus seinem Blog gegen Islamophobie „Schantall und die Scharia“ verdeutlicht Goldmann seine Kritik an den Medien: Erst wenn „der letzte Afghane abgeschoben, die letzte Kopftuchträgerin gekündigt und das letzte Krankenhaus in Gaza bombardiert wurde, werden Journalisten merken, dass sie auch Verantwortung tragen – Spaß! Das werden sie wahrscheinlich selbst dann nicht“. Er erklärt jedoch selbst, dass solche Aussagen überspitzt formuliert seien. Sie spiegelten seine Analyse der Berichterstattung der vergangenen Jahre wider und seien als polemische Kritik zu verstehen. Trotz zahlreicher Debatten über Medienberichterstattung sieht Goldmann bislang nur wenige grundlegende Konsequenzen innerhalb großer Redaktionen. Nach seiner Einschätzung fehlt es weiterhin an einer umfassenden Aufarbeitung journalistischer Fehler und an strukturellen Reformen.
Quellen:
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- Bennett, W. L. (1990). Toward a Theory of Press-State Relations in the United States. Journal of Communaícation 40, 2, S.103-125.
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- Goldmann, F. (2026). Staats(räson)funk. Deutsche Medien und der Genozid in Gaza. Berlin: Manifest Verlag.
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- Human Rights Watch. (25.10.2025). Israel und Palästina – Menschenrechtslage 2025. Abgerufen von https://www.hrw.org/de/world-report/2026/country-chapters/israel-andpalestine
- JACOBIN Magazin. (06.03.2026). “Du bist existenziell auf Null gestellt”. Abgerufen von https://jacobin.de/artikel/sanktionen-pressefreiheit-huseyin-dogru-rt-zensur-antifa-rote-hilfered
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- Bild: Fabian Goldmann