Von Lara Müller und Mia Reimnitz
aus dem Modul Journalistische Grundlagen 2
Die deutsche Seemannsmission unterstützt Seeleute an Bord. Der Verein besucht Hunderte von Schiffen in nur einem Jahr. Doch wie wird dies finanziert und inwiefern stärkt die Organisation die demokratische Zivilgesellschaft?
Wilhelmshavener Seemannsmission bietet Seeleuten offenes Ohr
Die Sonne glitzert auf dem Wasser des Hafens von Wilhelmshaven. Es ist Mittag, als Seemannspastor und Schiffsbesucher Dr. Klaus Lemke-Paetznick das Schiff betritt. An Bord wartet eine Besatzung unterschiedlicher Nationen auf ihn. Die Seeleute verbringen Monate zwischen Containern und Motoren. Der Pastor ist mehr als ein Besucher für sie. Er hört ihnen zu und unterstützt sie. „Jeder Fall ist anders”, erzählt er. Einige Seeleute sprechen über ihre Familien, einige schweigen. Aber was alle Seeleute verbindet, ist die Einsamkeit. Die Mission ist auf vielen Schiffen bekannt, sie bietet ein Heim auf Zeit, ein Ort des Vertrauens und ein Stück Menschlichkeit im Arbeitsalltag.
Die Deutsche Seemannsmission Wilhelmshaven wurde im Jahr 1959 gegründet. Der eingetragene Verein hat laut Webseite mehr als 160 Mitglieder und einen siebenköpfigen Vorstand. Die Schiffsbesucher*innen sind täglich unterwegs. Betreuer*innen helfen bei Einkäufen, bieten Rundfahrten durch die Stadt an und besuchen erkrankte Seeleute in der Klinik. Auch holen sie die Seeleute zu Aufenthalten im Seemannsheim ab. Laut dem Vorsitzenden, Wilfrid Adam, besuchen die 15 ehrenamtlichen Schiffsbesucher*innen etwa 800 Schiffe und somit circa 4.000 Seeleute im Jahr.
„Das dankbare Lächeln ist das größte Lob“
„Unsere Aufgabe ist es, für Seeleute gleich welcher Nation oder Religion da zu sein“, erklärt der Vorsitzende. Trotz ihres Namens missionieren sie nicht. Vielmehr gehe es darum, den Seeleuten Menschlichkeit und Nächstenliebe entgegenzubringen, ihnen Unterstützung und ein offenes Ohr zu bieten.
„Wenn wir merken, dass etwas an Bord nicht ganz rund läuft, setzen wir uns dafür ein, dass geholfen wird“, erzählt der Seemannspastor. Egal ob einer der Seeleute von Missständen berichtet oder die Besucher*innen nur im Gefühl haben, dass etwas nicht stimmt: die Seefahrergewerkschaft wird informiert. Diese würde dann am nächsten Standort kontrollieren, ob alles seine Richtigkeit hat, bestätigt auch Wilfrid Adam.
Auch das Seemannsheim bietet den Seeleuten Abwechslung und einen Ort zum Zurückziehen. Hin und wieder käme es vor, dass sich die Seeleute auf den Rasen legen und einfach das Gefühl genießen, an Land zu sein. Der Standort Wilhelmshaven biete mit seinem Seemannsheim nämlich das einzige in ganz Deutschland an, welches nicht am Wasser liegt. Im Haus selbst befindet sich unter anderem eine stille Ecke zum Zurückziehen. „Sobald sich dort jemand aufhält, verlassen alle anderen den Raum“, erzählt der Pastor – der Wunsch nach Ruhe wird respektiert und den Seeleuten wird Zeit für sich selbst ermöglicht.
Bezüglich der Finanzierung erklärt Adam: „Wir sind auf Spenden angewiesen.“ Denn der Verein finanziere sich weitestgehend selbst. Daneben bekommen alle Seemannsmissionen einen jährlichen Bundeszuschuss von 75.000 Euro. „Das Geld des Bundes brauchen wir“, erklärt er, denn es fließe direkt in die Arbeit mit den Seeleuten. Zum Beispiel in das Seemannsheim, in die Fahrten zum Einkaufen und Ähnliches.
„Wir haben den Ehrgeiz, an 365 Tagen im Jahr, bei Wind und Wetter da zu sein“, so der Pastor. Jedes Schiff, welches am Hafen anlegt, werde besucht. Sogar an Feiertagen sind die Besucher*innen im Einsatz. An Weihnachten sorgt der Verein dafür, dass die Seeleute nicht nur besucht werden, sondern auch das Weihnachtsfest erleben. So bekommt jeder Seemann ein handgepacktes Paket. 2024 seien dies um die 700 Pakete gewesen. „Das dankbare Lächeln ist das größte Lob“, stellt Lemke-Paetznick fest. Dies sei also der Ansporn der Ehrenamtlichen, zusammen mit dem „Ehrgeiz des Helfens“, so der Pastor.
Das Leben der Seeleute ist für viele verborgen. Die Seemannsmission Wilhelmshaven zeigt, wie ein Ehrenamt gesellschaftliche Verantwortung übernimmt. Der Verein schenkt den oft unsichtbaren Seeleuten Schutz und Gehör, unabhängig von Religion, Herkunft und Sprache. In einer schnelllebigen Gesellschaft wird hier ein Ort geschaffen, an dem Menschlichkeit gewahrt wird. Um die Arbeit der vielen Ehrenamtlichen zu sichern, ist eine verlässliche Finanzierung durch Spenden und Zuschüsse notwendig.
Dieser Beitrag ist im Sommersemester 2025 im Rahmen des Moduls Journalistische Grundlagen 2 entstanden. Die Rechercheergebnisse entsprechen demnach diesem Stand. Die Studierenden haben in dieser Lehrveranstaltung weitere Beiträge zu Nichtregierungsorganisationen (NGO) in Wilhelmshaven und der Region produziert, die wir hier nach und nach veröffentlichen.