on Elice Brunken, Tove Paulsen & Philipp Taubert
aus dem Modul Datenjournalismus
Vollzeitstudium, Nebenjob und am Ende des Monats trotzdem Geldsorgen: Für viele Studierende, auch in der Region, ist das Alltag. Immer mehr angehende Akademiker sind akut armutsgefährdet. Woran das liegt, warum das BAföG nicht zum Leben reicht und wie hoch die Semesterbeiträge in Niedersachsen im Vergleich zum Rest Deutschlands sind.
Lisa Wagner (Name geändert) ist Studentin an der Jade Hochschule in Wilhelmshaven. Als sie mit ihrem Freund in den Urlaub fahren wollte, setzte sie das unter finanziellen Druck. Im Gegensatz zu ihrem Partner, der aus einem gut situierten Haushalt kommt und bereits in seiner Ausbildung ordentliches Geld verdiente, muss sie fast jeden Cent zweimal umdrehen. Manchmal prallen diese Realitäten ungebremst aufeinander, wie sie berichtet: „Wenn es mir mal schlecht ging, habe ich auch mal gesagt, ich glaube, du kennst einfach das Gefühl gar nicht, wenn du wirklich nichts hattest.”
BAföG: Ein finanzielles Sicherheitsnetz, aber längst nicht für alle
Eigentlich soll das Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) eines garantieren: studieren können, unabhängig vom Geldbeutel der Eltern. Seit Jahrzehnten ist das BAföG die zentrale staatliche Unterstützung für Studierende in Deutschland. Die Förderung besteht zur Hälfte aus einem Zuschuss und zur Hälfte aus einem zinslosen Darlehen, dessen Rückzahlung auf maximal 10.010 Euro gedeckelt ist. Doch Realität ist: Das BAföG erreicht heute nur noch einen Bruchteil der Studierenden.
Ein BAföG-Anspruch besteht nur unter klar definierten Voraussetzungen. Gefördert werden grundsätzlich Studierende im Erststudium, die zu Studienbeginn eine Altersgrenze von 45 Jahren nicht überschreiten und deren eigenes Einkommen sowie Vermögen unter festgelegten Freibeträgen liegen. Entscheidend ist jedoch vor allem das Einkommen der Eltern. Liegt es über den Freibeträgen, entfällt der Anspruch – unabhängig davon, ob die Eltern tatsächlich finanziell unterstützen können oder wollen.
Elterunabhängiges BAföG bleibt die Ausnahme. Es ist nur nach mehrjähriger Erwerbstätigkeit oder über besondere Bildungswege zu enthalten. Für viele Studierende bedeutet das: Auf dem Papier gelten sie als abgesichert, in der Realität fehlt ihnen das Geld.
Hinzu kommen zusätzliche Hürden. Ein Fachwechsel, eine Überschreitung der Regelstudienzeit oder ein unterbrochenes Studium können dazu führen, dass der Anspruch teilweise oder vollständig wegfällt. So erging es auch der Studentin Lisa. Zwischen ihrem Bachelorabschluss und dem Beginn des Masterstudiums verlor sie ihren Anspruch auf BAföG, weil sie in der Übergangsphase nicht eingeschrieben war. Doch dem war sie sich nicht bewusst. „Warum sagt mir das keiner? Dann hätte ich mein Kolloquium noch nicht gemacht“, erinnert sie sich.
Immer mehr Studierende, immer weniger Empfänger
Selbst wer BAföG erhält, kommt oft kaum über die Runden. Der monatliche Höchstsatz liegt derzeit bei 992 Euro, doch die meisten Empfänger erhalten deutlich weniger. Laut Statistischem Bundesamt liegt der durchschnittliche BAföG-Betrag je nach Bundesland zwischen 630 und 700 Euro.
Ein Blick auf Niedersachsen verdeutlicht die Dimension. Im Jahr 2024 studierten dort insgesamt 160.665 Menschen. BAföG erhielten jedoch nur 45.147 von ihnen. Lediglich 21.137 Studierende bekamen den vollen Fördersatz, 24.010 mussten sich mit einer Teilförderung zufriedengeben. Der durchschnittliche monatliche BAföG-Betrag lag hier bei 671 Euro – ein Betrag, der angesichts steigender Lebenshaltungskosten für viele kaum existenzsichernd ist.
Gleichzeitig zeigt die Entwicklung über Jahre hinweg einen klaren Trend. Die Zahl der BAföG-Geförderten ist kontinuierlich gesunken und liegt trotz jüngerer Reformen deutlich unter früheren Niveaus, während die Zahl der Studierenden weiter steigt. Dies offenbart ein deutliches Problem der Studienfinanzierung in Deutschland.
Studium ohne BAföG? „Möglich, aber extrem schwer, außer ich habe solvente Eltern, die alles bezahlen oder ich mache ein Teilzeitstudium und arbeite in Teilzeit.” so Jens Müller-Sigl von der Studienfinanzierungsberatung vom Studierendenwerk Oldenburg. Alternativen dazu bleiben rar. Studienkredite werden nur von einer kleinen Minderheit genutzt, Stipendien erreichen gerade einmal rund zwei Prozent der Studierenden.
Hohe Mietpreise bereiten Kopfzerbrechen
Doch selbst für BAföG-Empfänger reicht die finanzielle Förderung oft nicht aus. Unter anderem deshalb, weil die vorgesehene Wohnpauschale von 380 Euro selbst in vergleichsweise günstigen Städten kaum für eine eigene Wohnung ausreicht.
Aus der 22. Sozialerhebung geht hervor, dass die Mietpreise sich je nach Region deutlich unterscheiden. Im Bundesländervergleich schocken vor allem die Wohnkosten in den Metropolregionen und großstadtlastigen Bundesländern.
Studentin Lisa berichtet, dass die Mieten an ihrem Studienort in Wilhelmshaven verhältnismäßig gering sind. Laut Mietspiegel beträgt die durchschnittliche Nettokaltmiete in der Jadestadt 6,28 Euro pro Quadratmeter. Da Studierende in der Regel in kleineren Wohnungen leben, lässt sich bei einer geschätzten Wohnungsgröße von 30-50 Quadratmetern für Alleinlebende ein durchschnittlicher Mietpreis von rund 6,52 Euro pro Quadratmeter ansetzen. Damit dürfte die Nettokaltmiete für eine solche Musterwohnung zwischen 195,60 und 326 Euro liegen – zuzüglich Nebenkosten.
Im Laufe ihres Studiums zog Lisa mit ihrem Freund in die nächstgrößere Stadt Oldenburg. „Zusammen, weil alleine hätte ich mir in Oldenburg keine Wohnung leisten können, aber zusammen ging das dann ganz gut.“
Um die Mietkosten auf ein Minimum zu reduzieren, entscheiden sich viele Studierende mit anderen Menschen zusammenzuziehen. Aber auch die Lage auf dem WG-Markt spitzt sich zu. Das Moses-Mendelssohn-Institut hat in Kooperation mit „WG-Gesucht“ eine Studie erhoben. Demnach bezahlen Studierende in Deutschland durchschnittlich 505 Euro für ein WG-Zimmer. Obwohl Oldenburg noch unter diesem Durchschnitt liegt, sind auch hier die Mietpreise höher als die im BAföG festgelegte Wohnpauschale.
Eine weitere Alternative bieten Studentenwohnheime. Doch durch ihren Preisvorteil gegenüber herkömmlichen Wohnungen sind sie sehr beliebt, was ihre Verfügbarkeit drastisch einschränkt. Die 57 Studierendenwerke in Deutschland verfügen über knapp 197.000 Wohnheimplätze – bei fast drei Millionen Studierenden ist die Auslastung dabei erwartbar hoch. „So stehen etwa zu Beginn der Wintersemester regelmäßig besonders viele Studierende auf den Wartelisten“, berichtet das Deutsche Studierendenwerk auf Anfrage. Außerdem heißt es: „Die Nachfrage hat sich in den letzten Jahren weiter erhöht.“
Mit Blick auf Oldenburg trifft das nur bedingt zu, denn in den meisten Wohnheimen, die das lokale Studierendenwerk betreut, gibt es derzeit keine Wartelisten. Lediglich in einem konkreten Fall ist eine Wartezeit von 24 Monaten angegeben.
Semesterbeiträge im Vergleich: Wo Studieren kein Schnäppchen ist
Neben den Kosten für die eigenen vier Wände wird für Studierende ein weiterer Betrag zwingend fällig, den sie entrichten müssen: der Semesterbeitrag. Die meisten Universitäten und Hochschulen erheben diesen Beitrag, um Verwaltungskosten zu decken oder die Studierendenvertretungen wie die lokalen Allgemeinen Studierendenausschüsse (AStA) zu unterstützen. Diese Zahlen unterscheiden sich jedoch stark – übersichtliche Listen der Semesterbeiträge in Deutschland gibt es nicht. Daher wurden in einer eigenen Datenerhebung die Semesterbeiträge der fünf größten Hochschulen und Universitäten nach Studierendenzahl der jeweiligen Bundesländer zusammengetragen und miteinander verglichen.
Wer beispielsweise an der Uni Göttingen studiert, zahlt pro Semester mehr als 466,40 Euro. Wer dagegen an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen eingeschrieben ist, kommt mit lediglich 72 Euro aus.
Woher kommen diese drastischen Unterschiede? Der entscheidende Faktor ist, ob ein Semesterticket in den Beiträgen inkludiert ist oder nicht. In vielen Bundesländern ist das Ticket für Bus und Bahn fester Bestandteil, der von allen Studierenden in einem Solidarmodell getragen wird. Bei diesem Modell liegen die Preise in unserer Erhebung durchschnittlich bei etwas über 320 Euro. Dieser Umstand erschwert den Vergleich der Semesterbeiträge, denn in Ländern wie Baden-Württemberg und Bayern ist das Ticket oft nicht enthalten. Für Studierende werden dort Semesterbeiträge von durchschnittlich rund 154 Euro fällig.
Spannend wird es jedoch, wenn man das Ticket aus der Rechnung streicht, um die reinen Semestergebühren der Hochschulen vergleichbar zu machen. Dieser Betrag zeigt, dass das Gefälle auch ohne Mobilitätskosten stark bleibt. Selbst wenn man das Ticket herausrechnet, bleibt die Uni Göttingen mit über 250 Euro der teuerste Standort. Im Gegensatz dazu stehen Studienorte in Thüringen und Sachsen-Anhalt: An der TU Ilmenau zahlen Studierende lediglich 85 Euro, an der Uni Erfurt sind es nur drei Euro mehr und an der HS Magdeburg exakt 100 Euro.
Besonders deutlich wird die Diskrepanz bei einem Blick auf die Region: An der Jade Hochschule in Wilhelmshaven ist der bereinigte Betrag mit 208,72 Euro relativ hoch – das ist mehr als das Doppelte dessen, was Kommilitonen an der Uni Leipzig oder der Uni Halle für Verwaltung, Studierendenwerke und Soziales aufbringen müssen. Diese Bereinigung zeigt, dass vermeintlich teure Bundesländer mit Semesterticket im Osten Deutschlands bei den Basiskosten oft ein deutlich besseres Preis-Leistungs-Verhältnis bieten als viele westdeutsche Standorte.
Der Norden bleibt dabei in jeder Hinsicht auffällig: In Niedersachsen und Bremen sind die Semesterbeiträge durchgehend hoch, was zum Teil an den hohen Beiträgen für das Studierendenwerk liegt. In Bremen werden dafür 130 Euro und in Göttingen sogar 157 Euro fällig. Zum anderen halten sich auch die Verwaltungsgebühren mit 75 Euro in Niedersachsen einheitlich auf einem hohen Niveau, während in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Bayern und in weiten Teilen Mecklenburg-Vorpommerns diese Gebühr überhaupt nicht erhoben wird.
Schnappt die Armutsfalle zu?
Laut der 22. Sozialerhebung liegt der Median der Gesamteinnahmen der Studierenden bei 965 Euro im Monat. Fast 59 Prozent der Studierenden gehen einer Erwerbstätigkeit nach, häufig nicht aus freien Stücken, sondern aus finanzieller Notwendigkeit. Auch Studentin Lisa ist davon betroffen, sie schildert: „Ich wusste, ich muss trotz BAföG einen Minijob haben, weil sonst geht es nicht.”
Um die Kosten von Studierenden etwas zu senken, profitieren sie in Deutschland von verschiedenen Vergünstigungen, die einzelne Ausgaben reduzieren können. Dazu zählen subventionierte Mensaangebote, vergünstigte Krankenversicherungsbeiträge, das Semesterticket für den öffentlichen Nahverkehr sowie der Zugang zu Studierendenwohnheimen mit meist niedrigeren Mieten. Zudem fallen an staatlichen Hochschulen keine allgemeinen Studiengebühren an und viele Studierende erhalten bis zum 25. Lebensjahr weiterhin Kindergeld.
Dennoch war im Jahr 2023 laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes mehr als jeder dritte Studierende von Armut gefährdet. Damit liegt die Gruppe der angehenden Akademiker weit über dem Anteil der Gesamtbevölkerung, in der etwas mehr als jeder Zehnte betroffen ist. Laut dem Wirtschaft- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung betrug die Armutsgrenze im Jahr 2022 für einen Einpersonenhaushalt 1189 Euro. Bezogen auf die Gesamteinnahmen liegt der Median deutlich darunter.
Dass Studierende ein erhöhtes Armutsrisiko haben, bestätigt Dr. Joachim Rock, Hauptgeschäftsführer vom Paritätischen Gesamtverband auf Anfrage: „Die aktuelle Datenlage zeigt, dass sich die soziale Lage vieler Studierender weiter zuspitzt. Die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes machen deutlich, dass wir es nicht mehr mit einem Randproblem zu tun haben, sondern mit einer strukturellen Krise der Studienfinanzierung.”
Außerdem weist er daraufhin, dass die Zahlen nur bedingt aussagekräftig sind und eine große Dunkelziffer vermuten lassen. „Viele Studierende gelten statistisch nicht als arm, leben aber faktisch in dauerhafter finanzieller Unsicherheit: Sie verzichten auf gesunde Ernährung, heizen nicht ausreichend oder arbeiten in einem Umfang neben dem Studium, der den Studienerfolg gefährdet”, erklärt er.
Der Einfluss zahlreicher Krisen auf das Wohlbefinden der Studierenden sei auch abseits finanzieller Belastungen nicht zu unterschätzen, wie ein Pressemitarbeiter des Deutschen Studierendenwerkes auf Anfrage betont: „Hinzu kommen Belastungen, die sich für Studierende aus den anhaltenden multiplen Krisen wie Inflation, Energiekrise, kriegerische Auseinandersetzungen, Klimakrise ergeben. Die Studienfinanzierung ist im Kontext der psychologischen Beratung der Studierendenwerke insofern nur eine von mehreren Belastungen, mit denen Studierende zu kämpfen haben.”
Was die meisten Studierenden vereinen dürfte, ist die Hoffnung, dass es ihnen nach dem Studium einmal besser gehen wird. Doch auch an dieser optimistischen Erwartung wird gerüttelt, wenn Wirtschaftsprognosen und Arbeitsmarktentwicklung nur pessimistische Schlüsse zulassen. Die Chancen für Arbeitssuchende sind derzeit nämlich so schlecht wie selten, warnt auch Andrea Nahles, Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit Anfang des Jahres in einer Pressemitteilung: „2025 hat sich der Arbeitsmarkt schrittweise in eine ungünstige Richtung entwickelt. Unter dem Strich steht er schwächer da als vor einem Jahr.”
Dass es besonders Studienabgänger schwer haben, zeigen bereits Daten aus dem Jahr 2024: Im Vergleich zum Vorjahr gab es einen Anstieg um 19 Prozent bei der Arbeitslosigkeit von Menschen mit Hochschulabschluss. Zum Vergleich: Die Arbeitslosigkeit insgesamt stieg in diesem Zeitraum lediglich um sieben Prozent. Doch nicht jeder Absolvent ist gleichmäßig betroffen. Wer zum Beispiel im Marketingbereich oder in der Werbung beruflich Fuß fassen möchte, ist momentan statistisch gesehen häufiger arbeitslos als derjenige, der als Arzt oder Lehrer arbeiten möchte. Das geht aus dem aktuellen Arbeitsmarkt-Bericht für Akademiker der Bundesagentur für Arbeit hervor.
Wenn Studieren zur finanziellen Geduldsprobe wird und der Berufseinstieg unsicher ist, steht mehr auf dem Spiel als individuelle Schicksale. Dr. Rock vom Paritätischen Gesamtverband sorgt sich: „Wir sehen hier eine Verfestigung von Armutsstrukturen im akademischen Nachwuchs, die langfristig auch die Bildungs- und Aufstiegschancen in Deutschland untergräbt.“