Wenn “Frau sein” kostet

Von Hannes Ertel und Letje Malle

aus dem Modul Datenjournalismus

Einmal im Jahr, am Equal Pay Day, wird darauf aufmerksam gemacht: Frauen verdienen weniger als Männer. Geändert hat sich in den letzten Jahren nur wenig. Vor allem verdienen Frauen weniger, wenn sie in das Alter kommen, in dem durchschnittlich das erste Kind erwartet wird. Man spricht von Child Penalty. Die Zahlen zeigen: Das gilt auch für Frauen, die keine Kinder haben.

Seit 1977 dürfen Frauen auch ohne Einverständnis ihres Mannes ihren Beruf frei wählen und ausüben. Und doch tut sich in der Gesellschaft eine unsichtbare Grenze auf: die des Lohnunterschieds zwischen Mann und Frau. Am 27. Februar 2026 ist in Deutschland der Equal Pay Day. Bis zu diesem Tag arbeiten Frauen in Deutschland in diesem Jahr unentgeltlich, wenn man ihren Lohn mit dem von Männern abgleicht. Dieser Tag markiert symbolisch den Gender Pay Gap, der seit 2024 16 % beträgt: 16 % Lohnunterschied zwischen Mann und Frau. Selbst wenn man strukturelle Faktoren wie Branche, Berufswahl, Qualifikation oder Arbeitszeit herausrechnet, bleibt ein „bereinigter“ Lohnunterschied bestehen: Männer verdienen im selben Job durchschnittlich noch immer 6 Prozent mehr.

Die positive Nachricht: Der Gender Pay Gap scheint sich zu schließen, so wie hier vom Statistischen Bundesamt dargestellt. Und es gibt sogar noch bessere Nachrichten: So haben Studien aus Großbritannien bereits 2015 aufgezeigt, dass Frauen zwischen 21–26 Jahren sogar mehr verdienten als gleichaltrige Männer. 

Eine gute und eine schlechte Nachricht

 Hier könnte das Märchen der Gleichberechtigung zu Ende sein, doch leider lohnt sich ein zweiter Blick auf die Daten; denn in der Studie räumten die Ersteller der Press Association ein, dass dieser vermeintliche Vorteil nur bis zu einem Alter von 30 Jahren gilt. Dann übernehmen wieder die Männer. Diese Aussage lässt sich mit Daten des Statistischen Bundesamtes von 2025 auch auf Deutschland übertragen. Der Gender Pay Gap zwischen Männern und Frauen geht erst in den späten Zwanzigern der Lebensjahre auf – dann, wenn Frauen im Durchschnitt das erste Kind bekommen. 

Mit dem Kind folgt der häufig gefürchtete Karriereknick bei den Müttern. Seit 2005 hat sich das Modell Vater Vollzeit/Mutter Teilzeit nicht wesentlich geändert; Mütter erwerbstätiger Kinder übernehmen nur in wenigen Fällen eine Vollzeitstelle, während der Partner seine Stunden herunterschraubt. Das ist unter anderem mit genderrelevanten Normen in Verbindung zu setzen, besagt eine amerikanische Studie von Correll und Benard. Bei der Frage, ob Frauen mit kleinen Kindern zu Hause bleiben sollten, übertrifft die Zustimmung in Deutschland die von Dänemark, Schweden und sogar den Vereinigten Staaten von Amerika.

Fairer Lohn für Mütter

Frauen verdienen im vierten Jahr nach der ersten Geburt durchschnittlich fast 30.000 Euro weniger als Frauen ohne Kinder. Selbst nach der Geburt eines Kindes ist es für Mütter schwieriger, einen Job zu finden als für Frauen ohne Kinder und Männer. Eine Studie der Harvard Kennedy School fand heraus, dass Müttern nicht nur ein schlechteres Gehalt angeboten wird, sondern dass sie auch als weniger kompetent wahrgenommen werden, seltener zur Einstellung und Beförderung empfohlen werden und im Schnitt seltener zu spät zur Arbeit kommen dürfen, bevor ihnen ein schlechter Ruf droht. Zum Vergleich: Bei Männern und Vätern ist es zumindest im letzten Punkt umgekehrt.

Child Penalty

An dieser Stelle ließe sich noch mit ein bisschen Fantasie argumentieren, dass der Gender Pay Gap in dieser Zeit sicherlich nur Frauen betreffe, die ein Kind bekommen haben und daher nicht arbeiten gehen würden; das würden die Zahlen hergeben, hier spricht man von Child Penalty. Leider ist auch das weit gefehlt, denn allein als Frau in dem Alter zu sein, in dem man ein Kind bekommen könnte, führt zu Einbußen: Im Fachjargon spricht man von Child Penalty in Participation. Das bedeutet, dass man selbst dann „bestraft“ wird, wenn davon auszugehen ist, dass man (oder in diesem Fall Frau) ein Kind bekommt. Dafür spricht eine Studie von Charlotte Feldhoff, „The Child Penalty: Implications of Parenthood on Labour Market Outcomes for Men and Women in Germany“, von 2021.

Kinder kosten

Sowohl Frauen mit als auch ohne Kinder verdienen ab dem durchschnittlichen Zeitpunkt der ersten Geburt in Deutschland weniger Geld; der Lohn erholt sich im Laufe des Lebens nicht wieder auf das ursprüngliche Niveau. Nur um an dieser Stelle den Vergleich herzustellen: Männer mit und ohne Kinder verdienen ab dem gleichen Zeitpunkt durchschnittlich mehr.

 

Auch hier könnte man nun die Frage stellen, ob das überall so sei. Nicht, wenn man sich Vergleichswerte aus anderen deutschsprachigen Ländern heranzieht, so zum Beispiel aus Österreich. Bei gleichem Lohneinstiegsniveau sieht es für Österreicher*innen ab dem ersten Kind besser aus als für Deutsche – für Männer wie für Frauen. Im weiteren Lebensverlauf ziehen sich für Frauen in Deutschland der Gender Pay Gap und die Child Penalty, die häufig aus dem Gender Care Gap erwächst, bis hin zum Gender Renten Gap durch und decken weitere strukturelle Ungleichheiten auf. Allein der Umstand, eine Frau zu sein, kostet.