Von Lena Kramer
aus dem Modul Fachjournalismus
Jan-Gerriet Janßen ist Nationalspieler im Para-Badminton, verdient sein Geld aber beim Landesamt für Bezüge und Versorgung. Während er seinen Alltag minutiös taktet, kämpft Para-Schwimmstar Elena Semechin auf der großen Bühne für das, was im System fehlt: Echte Sichtbarkeit und professionelle Strukturen. „Man ist oft auf sich allein gestellt“, sagt die Paralympics-Siegerin. Eine Spurensuche zwischen stiller Disziplin und der Frage, warum Spitzenleistung im Para-Sport so oft auf Eigeninitiative baut.
Der Wecker nimmt keine Rücksicht
04:30 Uhr, Hannover schläft noch. Jan-Gerriet Janßen steht auf, macht sich fertig, steigt in die Bahn. Sein Ziel ist nicht das olympische Dorf, sondern sein Schreibtisch im Niedersächsischen Landesamt für Bezüge und Versorgung. Während andere auf den ersten Kaffee warten, arbeitet er an zwei Leben gleichzeitig: dem sicheren Job und dem Traum von den Paralympics 2032 in Melbourne.
Jan-Gerriet ist 27 Jahre alt, empathisch, humorvoll, reflektiert – und er ist Bundeskader-Athlet der deutschen Nationalmannschaft im Para-Badminton. Sein Alltag ist ein Drahtseilakt zwischen bürgerlicher Existenzsicherung und sportlicher Höchstleistung. Denn bevor er den Schläger schwingt, arbeitet er knapp sieben Stunden im Amt.
Um 13:45 Uhr verlässt er das Büro, eine Viertelstunde später steht er in der Sporthalle, wärmt sich auf und trainiert von 14:30 bis 17:00 Uhr. Danach geht es zurück ins Büro: die fehlende Stunde nachholen – ein Pensum, das Außenstehende kaum erahnen. Und es wirft eine Frage auf, die auch Elena Semechin, die wichtigste Stimme des deutschen Para-Schwimmens, umtreibt: Wie viel Leistung ist möglich, wenn das System noch immer auf dem Prinzip „Ehrenamt und Leidenschaft“ basiert? „Sportliche Entwicklung hängt ganz stark vom Setting ab, ohne das alles würde es nicht funktionieren“, betont Semechin. Sie fordert eine Professionalisierung in Management und Marketing, damit Profis wie Jan-Gerriet nicht nur als Hobbysportler wahrgenommen werden, sondern als das, was sie sind: die Spitze des deutschen Sports.
Doch im Alltag in Hannover ist von Glamour wenig zu spüren. Jan-Gerriet kämpft nicht nur gegen Gegner auf dem Feld, sondern vor allem gegen den eigenen Kopf. „Für mich ist das Schwierigste definitiv der Kopf“, gesteht er. Die Gedanken kreisen ständig – vor dem Spiel, nach dem Spiel. Vielleicht ist es genau diese mentale Härte, die den Para-Sportler vom Freizeitsportler unterscheidet. Elena Semechin bestätigt das aus ihrer eigenen Weltspitzen-Erfahrung: Langfristig mache nicht das Talent den Unterschied, sondern die „mentale Haltung“.
Wer Para-Badminton noch nie gesehen hat, unterschätzt die Komplexität. Es ist Multitasking am Limit: Den Rollstuhl manövrieren, bremsen, beschleunigen – und gleichzeitig den Ball mit Präzision über das Netz schmettern. Für Jan-Gerriet Janßen ist es genau diese Herausforderung, die den Reiz ausmacht. „Im Sport ist es leichter, äußere Einflüsse auszublenden und sich auf eine große Sache zu konzentrieren“, sagt er. Sobald das Spiel beginnt, rückt die Behinderung in den Hintergrund: „Klar, ich weiß selbst, dass ich im Rollstuhl spiele und mich bewege, aber durch die Konzentration nimmt man nicht wahr, dass man Para-Sport macht, sondern einfach nur Sport.“
Wer ihm heute zuschaut, ahnt kaum, wie kurz sein Weg an die Spitze eigentlich war. Sein Startschuss fiel erst 2023. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. Als die Nominierung für den Bundeskader kam, war das ein fast unwirklicher Moment:
„Okay, verrückt, du bist jetzt irgendwie Teil des Teams und das ist voll cool!“
Jan-Gerriet Janßen
Doch der Weg zur Beherrschung des Sports ist brutal, besonders auf internationalem Niveau. Jan-Gerriet erinnert sich noch zu gut an sein erstes Turnier in Spanien. Das Losglück meinte es nicht gut mit ihm: Er musste gegen Daiki Kajiwara antreten, den amtierenden Goldmedaillen-Gewinner aus Japan.
„Ich habe nicht einen vernünftigen Ball rüberbekommen“, erzählt Jan-Gerriet heute schmunzelnd über die damalige Distanz zur Weltspitze. Er hatte zu diesem Zeitpunkt erst zwei Monate im Rollstuhl trainiert. „Ich habe mir danach in meinem Leben nie wieder so doll gewünscht, dass ein Spiel vorbeigeht.“ Es war eine harte Lektion. Aber auch der Moment, in dem sich entscheidet, ob jemand ein Hobbyspieler bleibt oder zum Profi-Athleten wird.
Genau an diesem Punkt haken sich die Erfahrungen von Jan-Gerriet Janßen und Elena Semechin ineinander. Auch die Schwimm-Weltmeisterin kennt diese Momente, in denen der Plan nicht aufgeht. „Meine größten Niederlagen waren am lehrreichsten für mich“, sagt Semechin rückblickend und meint damit vor allem ihren Misserfolg bei den Spielen in Rio vor zehn Jahren. Dort trat sie als Weltrekordhalterin und große Gold-Favoritin an, belegte über die 100 Meter Brust jedoch nur Platz fünf. Doch ihr Fazit lautet heute:
„Im Leistungssport ist es wichtig, aus dem Misserfolg zu lernen, damit dieselben Fehler nicht wiederkehren.“
Elena Semechin
Auch Jan-Gerriet hat diese Lektion verinnerlicht. Statt aufzugeben, trainierte er härter. Er wurde schneller im Rollstuhl, verbesserte seine Technik, schärfte seine Reaktionsfähigkeit. Als er zwei Jahre später wieder auf den Japaner traf, verlor er zwar erneut – aber das Spiel verlief anders. Er war kein Statist mehr, er war ein Gegner.
Dass diese Lernkurve im Para-Sport oft steiler und steiniger ist als im olympischen Sport, wird in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Elena Semechin weist darauf hin, dass man Leistung hier immer „vor dem Hintergrund der entsprechenden Einschränkungen“ betrachten müsse. Lernprozesse seien oft „viel langwieriger und komplexer“. Wenn Jan-Gerriet also davon spricht, dass er es liebt, sich „abzurackern und vollgeschwitzt aus der Halle zu gehen“, dann ist das mehr als nur Trainingseifer. Es ist der notwendige Kampf gegen die eigenen Grenzen. „Ein Idol habe ich nicht“, sagt er. Was ihn fasziniert, ist die Vielfalt der Lösungen im Para-Sport. Ihn inspiriert, „welche unterschiedlichen Sportler antreten und wie die in der Bewegung, sei es im Stehen oder im Stuhl, vorankommen“. Denn wer welche Einschränkung hat, diktiert die Technik. „Da gibt es schon einige coole Menschen“, findet Jan-Gerriet – und meint damit auch die Kreativität, mit der Athleten ihre körperlichen Grenzen austricksen.
Sichtbarkeit als Währung
Wenn Jan-Gerriet Janßen den Fernseher einschaltet, sieht er oft nur eine Sportart: Fußball. In Deutschland ist er medial die klare Königsdisziplin. Das belegt eine Auswertung des Medienanalysedienstes Media Tenor, der „ARD Tagesschau“ und „ZDF heute“ im Zeitraum von Juli 2023 bis Juli 2024 untersucht hat: rund 1.400 Passagen mit Fußballbezug in der „Tagesschau“, mehr als 4.000 im ZDF. Handball, Tennis oder Radsport tauchten dagegen nur selten auf, teils nur im zweistelligen Bereich. Für Athlet:innen jenseits des Fußballs bleibe oft nur ein Platz auf der Auswechselbank, so Jan-Gerriet: „Was mich nervt, ist, dass Para-Sport kaum erwähnt wird. Es gibt keine Repräsentation!“
Und das hat reale Konsequenzen: Sichtbarkeit bringt Sponsoren, Sponsoren bringen Geld und Geld schafft Zeit für Training. Weil diese Kette im Para-Sport häufig reißt, arbeitet Jan-Gerriet Vollzeit. Er ist Profi in der Halle, aber Amateur auf dem Papier.
Fragt man Elena Semechin nach der öffentlichen Wahrnehmung des Para-Sports, stellt sie nüchtern fest: „Durchwachsen. Viele Menschen können damit nichts anfangen.“ Das Urteil der Schwimm-Weltmeisterin ist klar: „Es fehlt an Aufklärung, vor allem aufgrund mangelnder medialer Präsenz.“ Das Problem liege aber nicht nur bei den Medien, sondern tiefer im System. „Es fehlt an einer umfassenden Struktur an Managementkonzepten, um die wunderbaren Geschichten, die der Para-Sport mit sich bringt, umfassend zu erzählen“, kritisiert sie. Während Fußballer von Beraterstäben umringt sind, ist der Para-Sportler oft Unternehmer in eigener Sache. „Man ist oft auf sich allein gestellt“, resümiert Semechin.
Es ist ein Systemfehler: Wir feiern die Medaillen alle vier Jahre bei den Paralympics, aber den grauen Trainingsalltag dazwischen blenden wir aus. Für Jan-Gerriet heißt das: Seine finanzielle Absicherung kommt nicht vom Sport, sondern durch seine Arbeit beim Landesamt für Bezüge und Versorgung. Er jongliert Job und Leistungssport, Tag für Tag. Wenn er über Systemveränderungen nachdenkt, wünscht er sich vor allem eins: Dass Sport und Beruf wirklich vereinbar sind, ohne dass es auf Dauer an die Substanz geht.
Der stärkste Gegner sitzt im Kopf
Vielleicht ist es genau dieser ständige Druck, der im Para-Sport über Sieg oder Niederlage entscheidet – nicht nur Technik und Training. Fragt man Jan-Gerriet, was schwieriger ist, kommt die Antwort sofort: „Definitiv die Nerven!“ Doch er wirkt nicht wie jemand, der daran zerbricht. Er analysiert, statt sich festzufahren. „Egal, ob im Training oder im Alltag, wenn es nicht gut läuft, denke ich erstmal darüber nach, was nicht gut lief“, erklärt er. „Und im gleichen Zuge überlege ich, welche Lösung es sein könnte oder wie ich es beim nächsten Mal besser mache.“ Reflexion statt Frust – das ist seine Strategie.
Aber der Kopf muss noch mehr leisten als Spielanalyse. Es geht auch um Identität und Akzeptanz. Elena Semechin spricht darüber erstaunlich offen. Auf die Frage, was sie rückblickend anders machen würde, antwortet sie: „Ich würde nichts anders machen… außer meine Sehbehinderung früher zu akzeptieren.“ Eine Antwort, die zeigt, wie viel im Hintergrund passiert, lange bevor eine Startliste veröffentlicht wird.
Bei Jan-Gerriet ist es der permanente Strom an Gedanken: vor, während und nach dem Spiel. „Wahrscheinlich wäre es von Vorteil, ab und an mal den Kopf auszublenden“, gibt er zu. „Aber das gelingt mir noch nicht so gut.“
Wenn es doch gelingt, fühlt es sich an wie ein Befreiungsschlag. Jan-Gerriet erinnert sich an seine erste Bronzemedaille bei einem Turnier in Prag. Ein Dreisatz-Krimi, 21:19 im Entscheidungssatz. „Die Freude hat den ganzen Tag gehalten“, erzählt er stolz. In solchen Momenten ist die Erschöpfung weg, die 4:30-Uhr-Routine vergessen. Das ist der Moment, für den man es macht.
Und genau deshalb bleibt Semechin bei ihrer Antwort, wenn es um das geht, was langfristig wirklich zählt: „Die mentale Haltung.“ Die Fähigkeit, weiterzumachen – auch dann, wenn die Bedingungen alles andere als ideal sind.
Der Traum von Melbourne
Was bleibt am Ende eines langen Tages? Wenn Jan-Gerriet Janßen abends nach Hause kommt – mal um halb sieben, mal auch erst um halb neun, weil er noch eine Einheit im Fitnessstudio einlegt –, ist die große Bühne weit weg. Er isst etwas, legt sich ins Bett und liest noch ein Buch.
Sein Blick geht dabei weit in die Zukunft, denn er fühlt sich noch lange nicht am Limit. „Sportlich treibt mich am meisten meine Entwicklung an, da ich noch relativ frisch bin“, sagt er. „Mein Start war ja erst 2023.“ Er rechnet in Vierjahreszyklen: „Du hast noch viele Jahre, in denen du den Sport machen kannst!“ Wer wisse schon, wo man in fünf oder zehn Jahren in der Weltrangliste stehe? Doch Jan-Gerriet ist auch Realist. Er weiß, dass Medaillen keine Miete zahlen und erklärt pragmatisch:
„Menschlich treibt mich meine Fortbildung an!“
Jan-Gerriet Janßen
Wenn er dieses Jahr fertig ist, startet er in den gehobenen Dienst. Sein Ziel: den Job „verantwortungsvoll ausüben“. Und trotzdem bleibt da noch ein sportliches Ziel, das alles überstrahlt: „Die Paralympics 2032 in Melbourne.“
Bis dahin wird er noch tausende Male um 4:30 Uhr aufstehen. Er wird Akten bearbeiten, trainieren und immer wieder gegen den eigenen Kopf anspielen – auch dann, wenn Aufmerksamkeit und Unterstützung ausbleiben.
Aber vielleicht geht es am Ende gar nicht nur um Medaillen. Jan-Gerriet Janßen hat einen Wunsch, eine Frage, die ihm nie gestellt wird, die er aber gerne einmal hören würde: „Bist du mit dir selbst zufrieden?“ Wenn er abends das Licht ausmacht und den Wecker für den nächsten Morgen stellt, scheint die Antwort in greifbarer Nähe zu sein. Es ist ein anstrengender Weg – aber es ist auch sein Traum. Und er ist noch lange nicht fertig.
Fragen Sie sich, wie Sie selbst aktiv werden können? Wir haben die wichtigsten Tipps für Sie zusammengefasst.
Lesen Sie auch: Einfach anfangen: Der Weg in den Para-Sport