Vom Hörsaal ins Rathaus: Wie ein 23-Jähriger Bürgermeister werden will

Von Jan Warns

aus dem Modul Fachjournalismus

Marcel Hans
Marcel Hans I Quelle: NWZ

Wenn Marcel Hans in den letzten Tagen auf sein Smartphone schaut, reiht sich vermutlich Glückwunsch an Glückwunsch. Nachrichten von Freunden, Parteikolleg_innen, Bekannten aus dem Ort. Sogar der amtierende Bürgermeister hat seinen Instagram‑Post geliked. „Es fühlt sich noch ziemlich surreal an“, sagt Hans. Seit dem 8. Januar 2026 ist es endlich offiziell: Der 23-Jährige kandidiert für das Bürgermeisteramt in Bockhorn und wird dabei von der SPD und den Grünen unterstützt. Eine besondere Kandidatur, die auf Grund seines Alters ihresgleichen sucht.

Mit seiner Kandidatur für das Bürgermeisteramt in Bockhorn vollzieht der Politikstudent den Sprung vom Privatleben in eine exponierte öffentliche Rolle. In der konservativ geprägten und alternden Gemeinde ist er eine polarisierende Figur. Während er für die einen die Hoffnung auf einen notwendigen Generationenwechsel verkörpert, sieht er sich aufgrund seines jungen Alters bereits mit Skepsis und Spott von den anderen konfrontiert.

Marcel Hans
Marcel Hans I Quelle: NWZ

Wenn Marcel Hans in den letzten Tagen auf sein Smartphone schaut, reiht sich vermutlich Glückwunsch an Glückwunsch. Nachrichten von Freunden, Parteikolleg_innen, Bekannten aus dem Ort. Sogar der amtierende Bürgermeister hat seinen Instagram‑Post geliked. „Es fühlt sich noch ziemlich surreal an“, sagt Hans. Seit dem achten Januar 2026 ist es endlich offiziell: Der 23-Jährige kandidiert für das Bürgermeisteramt in Bockhorn und wird dabei von der SPD und den Grünen unterstützt. Eine besondere Kandidatur, die auf Grund seines Alters ihresgleichen sucht.

Mit seiner Kandidatur für das Bürgermeisteramt in Bockhorn vollzieht der 23-jährige Politikstudent den Sprung vom Privatleben in eine exponierte öffentliche Rolle. In der konservativ geprägten und alternden Gemeinde fungiert er dabei als polarisierende Figur. 

Während er für die einen die Hoffnung auf einen notwendigen Generationenwechsel verkörpert, sieht er sich aufgrund seines jungen Alters bereits mit Skepsis und Spott konfrontiert.

„Milchbubi“ oder reicht die Erfahrung doch aus? Zwischen Zuspruch und Online-Häme

Hasskommentar I Quelle: NWZ

Wer in den Sozialen Medien in die Kommentarspalten der Lokalzeitungen hinabsteigt, findet dort zum Teil eine andere Welt – und längst nicht nur Zuspruch und Freude der Kandidatur gegenüber. Bereits im ersten Artikel zu seiner Bürgermeisterkandidatur erreichte ihn ein Hass-Kommentar.

Mittlerweile gelöscht, blieb ihm jener Kommentar allerdings bis heute fest im Gedächtnis. Marcel Hans scheint ihn fast auswendig zu können, so wirkt es im Gespräch: „Vom Kreißsaal in den Hörsaal und dann in die warme Amtsstube…“ Auch Beleidigungen bleiben nicht aus. Zum einen sei bereits der amtierende Bürgermeister „grottenschlecht“, zum anderen sei Marcel Hans ein „Milchbubi“. (Name im Bild wurde aus Datenschutzgründen ersetzt.)

Es ist die klassische Kritik an der Generation Z: Keine „echte“ Arbeit, keine Lebenserfahrung, dafür aber große Ambitionen. Hans lässt das alles weitestgehend kalt, sagt er:. „Solche Kommentare jucken mich überhaupt nicht.“ Und weiter: „Da steckt kein zusammenhängender Gedanke dahinter, darüber kann ich nur lachen.“

Doch die Frage bleibt für die Leser_innen trotzdem im Raum: Kann ein 23-Jähriger eine Verwaltung mit Dutzenden Mitarbeitern und einem Budget in Millionenhöhe leiten? Was qualifiziert ihn dafür und warum ausgerechnet er?

Rund ein Drittel der Bevölkerung ist über 65 Jahre alt

Alter der Menschen in Friesland. Stand: 31.12.2024 I Quelle: http://friesland.de/

Um die Brisanz dieser Personalie zu verstehen, muss man sich die nackten Zahlen ansehen. Im Landkreis Friesland, zu dem Bockhorn gehört, ist rund ein Drittel der Bevölkerung bereits über 65 Jahre alt. Nur sechs Prozent liegen, mit einem Alter von 18 bis 25 Jahren, in der Altersklasse, der auch Marcel Hans angehörig ist. Das ausgerechnet dieser nun für den Posten des Bürgermeisters kandidiert, ist sicherlich ungewöhnlich. 

In Friesland ist der demografische Wandel kein Thema der Zukunft, sondern eine Realität, die das Gemeindeleben bestimmt. Junge Menschen ziehen weg, sobald sie das Abitur in der Tasche haben. Sie gehen nach Oldenburg, Bremen oder Hamburg. Sie wollen studieren. Bestenfalls in der nächstgrößeren Stadt, da es schlichtweg keine Hochschulen direkt im Landkreis gibt. 

Zurück bleiben die Älteren und somit eine politische Riege, die oft Schwierigkeiten hat, die Sprache derer zu sprechen, die noch geblieben sind. Bevor sie den Ausweg aus Friesland suchen.

Jonas Osewold I Quelle: NWZ

Jonas Osewold kennt dieses Problem. Er ist Vorsitzender des Jugendparlaments in Friesland, Mitglied bei den Grünen und ein enger politischer Wegbegleiter von Hans. „Bockhorn ist ein klassischer Ort, aus dem die meisten Kinder schnell wegziehen, sofern sie die Möglichkeit haben, einer Ausbildung oder einem Studium nachzugehen, oder sich woanders ein Leben aufzubauen“, erklärt Osewold.

Er sieht in Hans jemanden, der die Abwärtsspirale stoppen könnte. „Ein junger Bürgermeister kennt die Probleme von Jugendlichen und kann deren Lebensrealität besser nachvollziehen.“ Dazu sei Marcel Hans tief verankert in der Gegend: „Er ist mit diesen Menschen zur Schule gegangen“. Osewold zu Folge weiß Marcel Hans deshalb genau, wie es sich anfühlt, hier zu leben, besonders als Teil der jungen Generation.

Für Osewold ist das Alter von Hans kein Defizit, sondern eine Qualifikation. Er beschreibt eine politische Kultur in Bockhorn, die oft über die Köpfe der Jugend hinweg entscheidet. „Die Jugendlichen finden nicht wirklich Gehör; es gibt kein repräsentatives Gremium.“ Weiter beschreibt Osewold die Kandidatur von Hans als ein Zeichen, das den Jugendlichen im Ort Mut geben könnte: „Zu sehen, dass es ein junger Bürgermeister schaffen könnte, in Bockhorn ins Amt zu kommen, erzeugt sicher Mut bei den Jugendlichen.“

Jonas Osewold I Quelle: NWZ

Jonas Osewold kennt dieses Problem. Er ist Vorsitzender des Jugendparlaments in Friesland und ein enger politischer Wegbegleiter von Hans. „Bockhorn ist ein klassischer Ort, aus dem die meisten Kinder schnell wegziehen, sofern sie die Möglichkeit haben, einer Ausbildung oder einem Studium nachzugehen oder sich woanders ein Leben aufzubauen“, erklärt Osewold.

Er sieht in Hans jemanden, der die Abwärtsspirale stoppen könnte. „Ein junger Bürgermeister kennt die Probleme von Jugendlichen und kann deren Lebensrealität besser nachvollziehen“ Dazu sei Marcel Hans tief verankert in der Gegend: Hans ist mit diesen Menschen zur Schule
gegangen“. Osewold zu Folge weiß Marcel Hans deshalb genau wie es sich anfühlt hier zu leben, besonders als Teil der jungen Generation. 

Für Osewold ist das Alter von Hans kein Defizit, sondern eine Qualifikation. Er beschreibt eine politische Kultur in Bockhorn, die oft über die Köpfe der Jugend hinweg entscheidet. „Die Jugendlichen finden nicht wirklich Gehör; es gibt kein repräsentatives Gremium.“ Weiter beschreibt Osewold die Kandidatur von Hans als ein Zeichen, das den Jugendlichen im Ort Mut geben könnte: „Zu sehen, dass es ein junger Bürgermeister schaffen könnte, in Bockhorn ins Amt zu kommen, erzeugt sicher Mut bei den Jugendlichen.”

 

Dennoch weiß auch Jonas Osewold die Kandidatur einzuschätzen. So vermutet er, dass Marcel Hans auf Probleme stoßen könnte, die so kein Bürgermeister vor ihm hatte, sofern er letztlich gewählt wird: „Die aktuelle Mehrheit im Gemeinderat in Bockhorn ist konservativ. Wir haben eine sehr große CDU-Fraktion, und auch wenn das nicht auf alle Mitglieder der CDU im Gemeinderat zutrifft, kann ich mir bei vielen vorstellen, dass sie erst einmal Probleme damit haben werden, mit einer so jungen Person zu agieren.“

Dennoch weiß auch Jonas Osewold die Kandidatur einzuschätzen. So vermutet er, dass Marcel Hans auf Probleme stoßen könnte, die so kein Bürgermeister vor ihm hatte, sofern er letztlich gewählt wird: „Die aktuelle Mehrheit im Gemeinderat in Bockhorn ist konservativ. Wir haben eine sehr große CDU-Fraktion, und auch wenn das nicht auf alle Mitglieder der CDU im Gemeinderat zutrifft, kann ich mir bei vielen vorstellen, dass sie erst einmal Probleme damit haben werden, mit einer so jungen Person zu agieren.“

Die „Ochsentour“ im Schnelldurchlauf

Politische Laufbahn von Marcel Hans I Quelle: LinkedIn

Wer Marcel Hans als unerfahren abstempelt, übersieht seinen Lebenslauf. Es ist eine politische Karriere, die sich wie eine „Ochsentour“ im Zeitraffer liest, so Marcel Hans selbst. Angefangen hat alles 2018 mit einem Schulpraktikum im Bundestag bei der SPD Abgeordneten Siemtje Möller. „Das war der Moment, in dem ich gemerkt habe: Ich will nicht nur zuschauen, ich will mitmachen“, erinnert sich Hans.

Es folgte der Vorsitz im Jugendparlament, die Arbeit als studentischer Mitarbeiter und ein Praktikum im Klimaschutzmanagement des Landkreises. Hans hat die Verwaltung von innen gesehen und weiß, wie Aktenvermerke geschrieben werden und wie langwierig kommunale Entscheidungsprozesse sein können. Seit 2024 ist er beratendes Mitglied der SPD-Kreistagsfraktion, seit Anfang 2025 sowohl in der Gemeinderatsfraktion als auch Vorsitzender der SPD in Bockhorn. Marcel Hans ist kein Quereinsteiger, der ins Amt stürzt, sondern vielmehr ist
er ambitionierter aufstrebender Insider, der es modernisieren möchte.

Politischen Laufbahn von Marcel Hans I Quelle: LinkedIn

Wer Marcel Hans als unerfahren abstempelt, übersieht seinen Lebenslauf. Es ist eine politische Karriere, die sich wie eine „Ochsentour“ im Zeitraffer liest, so Marcel Hans selbst. Angefangen hat alles 2018 mit einem Schulpraktikum im Bundestag bei der SPD-Abgeordneten Siemtje Möller. „Das war der Moment, in dem ich gemerkt habe: Ich will nicht nur zuschauen, ich will mitmachen“, erinnert sich Hans.

Es folgte der Vorsitz im Jugendparlament, die Arbeit als studentischer Mitarbeiter und ein Praktikum im Klimaschutzmanagement des Landkreises. Hans hat die Verwaltung von innen gesehen und weiß, wie Aktenvermerke geschrieben werden und wie langwierig kommunale Entscheidungsprozesse sein können. Seit 2024 ist er beratendes Mitglied der SPD-Kreistagsfraktion, seit Anfang 2025 sowohl in der Gemeinderatsfraktion als auch Vorsitzender der SPD in Bockhorn. Marcel Hans ist kein Quereinsteiger, der ins Amt stürzt, sondern vielmehr ist er ambitionierter aufstrebender Insider, der es modernisieren möchte.

Unterstützung der SPD und Grünen

Dass Hans politisch durchaus etwas vorzuweisen hat, beweist seine Unterstützung. Er tritt als gemeinsamer Kandidat von SPD und Grünen an. Das ist in einer konservativ geprägten Gemeinde wie Bockhorn ein starkes Statement. Doch der Weg dorthin war kein Selbstläufer. Besonders die Grünen prüften den jungen Kandidaten genauestens.

Über eine Stunde musste sich Hans dabei den Fragen der Grünen stellen. Osewold war zu diesem Zeitpunkt im Urlaub, schaltete sich aber per Telefon zu. „Wir haben dann in der Partei demokratisch entschieden, ihn zu unterstützen. Er hat mit seinen Themen überzeugt“, so Osewold weiter. 

Die Grünen in Bockhorn, oft frustriert darüber, dass ihre Anträge im Gemeinderat ignoriert oder vertagt werden, sehen in Hans die Chance auf ein „Gehör“, das ihnen bisher verwehrt blieb. Die Hoffnung, dass Hans sich für alle Fraktionen und damit auch für die Interessen der Grünen einsetzt, sei groß.

Fühlt sich Marcel Hans selbst bereit für die Kandidatur?

Trotz des rasanten Aufstiegs ist Marcel Hans kein Mensch ohne Selbstzweifel. Er spricht im Interview offen über das „Imposter-Syndrom“ , das Gefühl, ein Hochstapler zu sein, der jeden Moment entlarvt werden könnte. „Man redet sich ein, dass man es vielleicht nicht hinkriegt oder der Schritt zu groß ist“, gesteht er.

Ein Schlüsselerlebnis war ein Vorbereitungsseminar der SPD für angehende Bürgermeister in Hannover. Dort saßen gestandene Männer und Frauen, 40 oder 50 Jahre alt, mit jahrzehntelanger Erfahrung. Aus den Gesprächen dort wurde ihm klar, dass auch erfahrene Politiker genau die gleichen Ängste wie er hätten. Jene Erkenntnis, dass Unsicherheit keine reine Angst der Jugend ist, sondern ein Begleiter von Verantwortung, war für ihn ein Wendepunkt.

Orte schaffen, an denen sich Jung und Alt begegnen

Was will Hans konkret verändern? Seine Agenda ist eine Mischung aus pragmatischer Verwaltung und großen Visionen. Ein zentrales Projekt ist das Mehrgenerationenhaus. „Ich möchte Bürgermeister für alle Generationen sein“, sagt Marcel Hans. Dazu fordert er Orte, an denen sich Jung und Alt begegnen und voneinander lernen können.

Gleichzeitig drängt er auf die Klimafolgenanpassung: „Bockhorn muss zukunftssicher werden, zum Beispiel durch Klimafolgenanpassung. Wir müssen lernen, mit den Folgen umzugehen.“ Er will kein Bürgermeister werden, der alles abnickt, sondern einer, der auch die unbequemen Fragen stellt: „Wenn mir jemand sagt: ‚Das geht so nicht‘, frage ich: ‚Warum nicht? Finden wir einen Weg!‘“

Die Vorbehalte der älteren Generation

Doch der Weg ins Rathaus führt über den Gemeinderat, und der ist in Bockhorn fest in konservativer Hand. Jonas Osewold sieht darin die größte Hürde: „Ich kann mir gut vorstellen, dass sowohl aktuelle Kommunalpolitiker als auch Anwohner Vorbehalte gegenüber einer jungen Person im Amt haben könnten.“ Der Fakt, dass junge Politiker in Bockhorn nicht unbedingt ein hohes Ansehen genießen, zeigt sich laut Osewold auch daran, dass der Gemeinderat Bockhorn, abgesehen von einer Einladung, nicht mit dem Jugendparlament zusammenarbeitet.

Es ist ein Kampf um Respekt. Ein Respekt, den sich Hans nicht durch Dienstjahre, sondern durch Kompetenz verdienen muss. Er wird sich mit den Menschen in den verschiedenen Ortsteilen auseinandersetzen müssen, die alle anderen Sorgen und Prioritäten mit sich bringen. Ob Marcel Hans das allerdings schafft, kann nur die nächste Wahl zeigen.

Eine Kandidatur mit Signalwirkung

Die Kandidatur von Marcel Hans ist ein Experiment mit offenem Ausgang. Aber sie ist bereits jetzt ein Erfolg für die politische Partizipation. In Friesland gibt es derzeit einen Trend: Auch in Schortens oder im Wangerland treten vermehrt junge Kandidaten an. Die „Generation Z“ hört auf, nur zu protestieren, und fängt an, zu kandidieren.

„Marcel Hans sorgt für frischen Wind, für neue Perspektiven und für die Repräsentation junger Stimmen“, bilanziert Jonas Osewold. Ob die Bürger von Bockhorn bereit sind für diesen Wind, wird der Wahltag zeigen.

Warum fühlen sich junge Menschen in der Politik oft ignoriert und wie funktioniert das Jugendparlament in Friesland konkret?

Lesen Sie hier das vollständige Interview mit Marcel Hans.