Wie frei kann Journalismus sein, wenn er politisch gesteuert wird? Zwei Frauen, die Teil des DDR-Mediensystems waren, erzählen von Kontrolle, kleinen Freiräumen und der Zeit, in der plötzlich alles im Umbruch war.
- Alexandra Schmehl, Carolin Thomas
„Ich glaube, dass die Medien sich damals in der DDR für wichtiger gehalten haben, als sie waren“, sagt Dagmar Böddeker. Ein Satz, der aufhorchen lässt und auf ein Mediensystem verweist, das heute vielfach kritisch eingeordnet wird. „Es gab keine Freiheit, keine Pressefreiheit, keinen Pluralismus“, beschreibt Marion Brasch ihre Erfahrung. Zwei Stimmen, die einen Einstieg in die Frage bilden, wie Journalismus in der DDR funktionierte und welche Rolle Medien in einem staatlich gelenkten System tatsächlich spielten.
Dagmar Böddeker studierte in den 1980er-Jahren Journalismus in Leipzig und war bis 1991 beim Rundfunk der DDR in Halle (Saale) tätig. Heute leitet sie das Studio Dessau von MDR Sachsen-Anhalt. Auch Marion Brasch war in der DDR im Medienbereich tätig: Sie arbeitete als Radiomoderatorin beim Jugendprogramm DT64. Inzwischen ist sie als Autorin aktiv. Beide schildern ihre Erfahrungen zur Pressefreiheit in der DDR sowohl aus journalistischer Perspektive als auch aus ihrem persönlichen Erleben.
Medien als Instrument der Partei
In der Deutschen Demokratischen Republik waren Medien kein unabhängiges Kontrollorgan, sondern eng in die staatlichen Strukturen eingebunden. Zeitungen wie Neues Deutschland fungierten als Sprachrohr der Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, kurz SED. Rundfunk und Fernsehen unterlagen staatlicher Kontrolle, journalistische Inhalte mussten sich an der Parteilinie orientieren. Ein formelles Zensurgesetz existierte nicht. Wie die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt, wurde die Berichterstattung aber über politische Vorgaben, Redaktionshierarchien und institutionalisierte Selbstzensur gesteuert. In den Redaktionen war bekannt, welche Themen und Perspektiven gewünscht waren.
Dagmar Böddeker erinnert sich, die Nachrichten in der DDR oft als „Erfolgsmeldungen“ empfunden zu haben und dass vieles vorhersehbar gewirkt habe. Diese Wahrnehmung deckt sich mit historischen Analysen: Laut der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, auch Bundesstiftung Aufarbeitung genannt, war die DDR-Berichterstattung ideologisch geprägt und diente in erster Linie der Stabilisierung des Systems, nicht als kritische Informationsquelle.
Gleichzeitig hatten viele DDR-Bürger auch Zugriff auf westliche Medien. Marion Brasch beschreibt diese verschiedenen Informationsmedien als prägend für ihre Wahrnehmung: Während die staatlichen Medien der DDR eine sozialistische Sichtweise vermittelten, hätten westliche Programme häufig auch andere Perspektiven gezeigt. „Wenn es um Politik ging, war das immer konträr“, sagt sie. Auch die Bundesstiftung Aufarbeitung verweist darauf, dass ein Großteil der DDR-Bevölkerung regelmäßig Westmedien nutzte, um sich ein umfassenderes Bild zu machen.
Lernen und Arbeiten im Sinne der Partei
Für Journalist:innen bedeutete die Arbeit in der DDR ein Leben im Spannungsfeld zwischen Anpassung und begrenztem Handlungsspielraum. Bereits die Ausbildung war politisch geprägt.
Beispielsweise erzählt Dagmar Böddeker von einem Eignungstests vor dem Studium oder während ihres Volontariats. Die Lehrinhalte hätten eher reproduziert werden müssen, als kritisch hinterfragt zu werden. Wie auch in vielen anderen Berufsgruppen waren auch journalistische Karrierewege häufig an politische Loyalität gebunden und spätestens in den 1980er-Jahren wurde die Nähe zur Partei für viele Positionen zur Voraussetzung.
Dennoch gab es auch Bereiche, in denen mehr Freiheiten möglich waren. Marion Braschs Arbeit in der Musikredaktion beim Jugendsender DT64 habe größere Spielräume geboten: „Musik war immer eine Insel. Das heißt, man konnte über Musik auch andere Dinge transportieren. Wir unterlagen nicht wirklich diesen restriktiven Anforderungen, wie zum Beispiel eine Wortredaktion.” Der Jugendsender habe insgesamt etwas freier arbeiten dürfen, erzählt sie weiter: „Weil die schon begriffen hatten, dass man die Jugend an der langen Leine spielen lassen oder dass man uns an der langen Leine spielen lassen muss, damit die Jugend bei der Stange bleibt.”
Der Umbruch 1989: Medien im Wandel
Im Herbst 1989 begann das System in der DDR zu bröckeln. Während immer mehr Menschen auf die Straße gingen, um gegen die politischen Verhältnisse zu protestieren, reagierten die staatlichen Medien zunächst zurückhaltend. „Die offiziellen Medien haben erst angefangen, darüber zu berichten, als die Sache ins Kippen geriet“, erzählt Marion Brasch. In dieser Zeit verloren die staatlichen Medien zunehmend an Glaubwürdigkeit, heißt es in einem Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung.
Dagmar Böddeker erinnert sich, dass ihr Sender damals die Montagsdemonstrationen in ganzer Länge aufgezeichnet und ausgestrahlt habe. Beide Frauen haben in dieser Zeit den Journalismus sehr auf Augenhöhe mit der Bevölkerung wahrgenommen. Marion Brasch sagt über die Zeit der Umbrüche: „Wir haben alle das Gleiche erlebt und das war so eine andere Form vom Miteinander. Also wir waren Journalisten, aber wir waren eben gleichzeitig auch Leute, die diese Erfahrung machten, die andere auch machten.”
Innerhalb der Redaktionen setzte gleichzeitig ein Wandel ein. Journalist:innen begannen zaghaft, sich von der bisherigen Arbeitsweise zu lösen. Marion Brasch schildert eine Situation, in der sie einen für die Zeit kontroversen Beitrag sendete. Dieser Schritt brachte ihr zwar eine Abmahnung ein, zeigte aber auch, dass die Kontrolle des Systems nachließ. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte diese Entscheidung wahrscheinlich ein Verfahren und eine Kündigung nach sich gezogen.
Mauerfall und Medienwandel
Mit dem Fall der Berliner Mauer im November 1989 veränderte sich die Situation dann grundlegend. Für viele Medienschaffende bedeutete dieser Moment eine große Umstellung. „Wir haben die Chance, hier einem historischen Moment beizuwohnen und das müssen wir natürlich dokumentieren, darüber berichten und darüber reden. Also plötzlich kam überall Luft dran, auch an den Journalismus. Man musste nicht mehr nachdenken“, skizziert Marion Brasch. Auch Dagmar Böddeker erinnert sich an dieses Gefühl: „Endlich sagen zu können, was man wirklich sah. Das war schon großartig.“
Doch diese neue Freiheit brachte auch Unsicherheit mit sich. Dagmar Böddeker betont: „Ich bin schon erstmal noch in meiner Blase geblieben. Mir fehlte die Orientierung. Ich glaube, ich zählte zu denen, die nicht sofort Hurra gebrüllt haben, sondern die erstmal versucht haben, sich zu orientieren und ihren Platz zu finden.” Die Strukturen mussten sich neu entwickeln und die Journalist:innen mussten sich in einem völlig anderen Mediensystem zurechtzufinden.
In den folgenden Jahren trafen unterschiedliche journalistische Kulturen aufeinander. Ost- und Westmedien begannen zusammenzuarbeiten, Erfahrungen auszutauschen und voneinander zu lernen. Doch es gab auch Spannungen. Dagmar Böddeker berichtet von Erfahrungen mit westdeutschen Medienschaffenden: Nicht immer sei es um eine ausgewogene Darstellung gegangen, sondern teilweise auch um die Bestätigung bestimmter Narrative. Diese Beobachtung zeigt, dass Pressefreiheit nicht automatisch objektiven Journalismus garantiert. Sie schafft lediglich die Voraussetzung dafür.
Pressefreiheit: Ein Recht, das täglich neu ausgehandelt werden muss
Heute ist Pressefreiheit in Deutschland gesetzlich verankert und gilt als grundlegendes Element der Demokratie. Dennoch sind Debatten über Medienvertrauen, Einseitigkeit und den Einfluss sozialer Netzwerke allgegenwärtig.
Marion Brasch betont, dass sich die heutige Situation nicht direkt mit der DDR vergleichen lasse. Dagmar Böddeker formuliert es so: „Der Begriff Pressefreiheit verändert sich nicht, aber die Wucht, mit der der Begriff umgesetzt wird, die verändert sich. Mal ist sie weg, mal ist sie da, mal wird sie mit Füßen getreten.”
Die Geschichte der Pressefreiheit in der DDR macht deutlich, wie wichtig unabhängige Berichterstattung ist und wie schnell sie eingeschränkt werden kann. Sie zeigt, dass freie Medien keine Selbstverständlichkeit sind. Eine freie Presse entsteht nicht von allein: Sie muss ermöglicht, genutzt und immer wieder verteidigt werden.
- Bilder: Dagmar Böddeker, Marion Brasch, Canva Premium (https://www.canva.com/M/MAC9J2Aen1c?ui=eyJBIjp7IkEiOiJDIn19 )