Wenn der Abendverkehr Pause macht: Unterwegs mit dem ÖPNV in Wilhelmshaven

Von Janine Jedebrock und Malina Krüger

aus dem Modul Datenjournalismus

Wenn der Tag zur Ruhe kommt, verändert sich das Tempo in Wilhelmshaven – und der Nahverkehr gleich mit. Was am Nachmittag noch selbstverständlich ist, wird nach 20 Uhr zur Herausforderung: mobil zu bleiben. Für viele Menschen in der Stadt ist das kein theoretisches Problem, sondern tägliche Realität.

Studierende, Beschäftigte mit Spätdiensten sowie auswärtige Besucherinnen und Besucher, die spät am Bahnhof ankommen, stehen regelmäßig vor der Frage, wie sie ihren Heimweg organisieren sollen, wenn der reguläre Busverkehr endet. Das Anruf-Sammel-Taxi soll diese Lücke schließen. Doch die Praxis zeigt, dass das Angebot meist mit zusätzlichen Hürden verbunden ist. Voranmeldung, Warten, Aufpreis. 

Was bedeutet das für eine Stadt, die auf Studierende setzt, touristisch wachsen möchte und abends durchaus ein kulturelles Leben zu bieten hat? Ein Blick auf die Erfahrungen von Fahrgästen, die Stimmen von Verbänden und die Ergebnisse eigener Recherchen zeigen, wie groß die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist.

Innenansicht eines Linienbusses mit gelben Haltestangen. Im Fokus steht ein digitaler Monitor, der die nächsten Haltestellen (Werftstraße, Luisenstraße, Deichstraße) anzeigt. (Foto: Herr Plump)
Mit dem Bus ans Ziel: Nachmittags in Wilhelmshaven kein Problem. Foto: Robert Plump

Praxischeck: Wie funktioniert das Anruf-Sammel-Taxi am Abend

„Nach Feierabend musste ich immer nach Hause laufen, weil kein Bus mehr fuhr“, sagt die 23-jährige Linette Kusche. Sie hat eine Zeit lang neben der Uni in der Nordseepassage gearbeitet, oft bis nach 23 Uhr. Sie ist keine Ausnahme. Auch Pendlerinnen und Pendler, die noch spät mit dem Zug ankommen, müssen kreativ werden. Das Anruf-Sammel-Taxi soll diese Lücken füllen. Jedoch ersetzt es nur den Linienverkehr der Linien zwei und vier.

Wie gut das in der Praxis funktioniert, haben unsere Reporterinnen Merle Bräuer und Daria Ruginis im Selbstversuch getestet. Das Anruf-Sammel-Taxi erweist sich zwar als verlässliche Alternative, leidet jedoch unter geringer Bekanntheit und Hemmschwellen bei der Buchung.

Unseren Recherchen zufolge wird auf alle gültigen Fahrausweise ein zusätzlicher „Komfortzuschlag“ erhoben. Wer diesen jedoch am Ende erhält, bleibt unklar. Die Stadtwerke-Verkehrsgesellschaft Wilhelmshaven äußerte sich auch auf mehreren Nachfragen nicht zu diesem Thema.

Der Vorsitzende des Fahrgastverbands Pro Bahn, Hans-Joachim Zschiesche, bezieht zu dem Abendangebot eine klare Haltung: „Wir halten davon überhaupt nichts. Außerdem wird für die Fahrt pro Person ein Euro extra verlangt, trotz Busticket, Deutschland- oder Niedersachsenticket. Das ist unseres Erachtens nicht zulässig.“

Ein blauer Stadtbus mit der Zielanzeige „Hauptbahnhof“ fährt an einer Haltestelle vor einem Backsteingebäude ein. Ein Teil eines anderen gelb-blauen Busses ist im Vordergrund zu sehen. (Foto: Herr Plump)
Digitale Anzeigetafeln an den Bushaltestellen sorgen für schnellere Informationen zu Abfahrtzeiten. Laut Fahrgästen ist darauf aber nicht immer Verlass. (Foto: Robert Plump)

Versprechen im Nahverkehrsplan

Ein Blick in den Nahverkehrsplan zeigt, dass die Probleme des Abendverkehrs nicht überraschend aufgetreten sind. Bereits vor Jahren wurden Maßnahmen formuliert, die genau diese Lücken schließen sollten. Dort heißt es wörtlich: „Die Stadtwerke beabsichtigen, ab dem 01.01.2020 die Bedienung der Linien 2 und 4 in den Abendstunden wieder mit regulären Fahrten durchzuführen. Diese Maßnahme wird vom Aufgabenträger außerordentlich begrüßt.“

Doch genau hier liegt das Problem: In der Realität ist von diesem Ziel kaum etwas übriggeblieben. Statt regulärer Busfahrten setzt Wilhelmshaven bis heute auf das Anruf-Sammel-Taxi – aus einer ursprünglich ergänzenden Lösung ist längst ein Ersatzsystem geworden.

Dass dieses Zusatzangebot mittlerweile die einzigen abendlichen Verbindungen auf den Linien 2 und 4 darstellt, steht jedoch im deutlichen Widerspruch zu den damaligen Plänen. Für die Fahrgäste bedeutet das nicht nur längere Wartezeiten, fehlende Barrierefreiheit und zusätzliche Kosten, sondern auch Bedingungen, die mit einem echten Linienangebot nicht vergleichbar sind.

Die Diskrepanz zwischen Plan und Wirklichkeit wirft Fragen auf: Warum wurde eine Maßnahme, die vom Aufgabenträger ausdrücklich begrüßt wurde, bis heute nicht umgesetzt? Und welche Priorität hat der Abendverkehr tatsächlich, wenn ein ursprünglich als Übergangslösung gedachter Rufservice auch Jahre später noch das zentrale Angebot darstellt?

Das hat Folgen für die Mobilität, die Teilhabe und die Attraktivität der Stadt in den Abendstunden. Auch Studierende üben Kritik am Nahverkehr. In einer nicht repräsentativen Befragung äußern sie ihre Wünsche: mehr Busse, bessere Anschlüsse und sicherere Heimwege am Abend. „Der Busfahrplan sollte besser auf die Bedürfnisse der jungen Menschen zugeschnitten sein“, sagt Greta Aye. Ihrer Ansicht nach fahren die Busse bereits am frühen Abend eingeschränkt, insbesondere von der Hochschule in Richtung Südstadt.

Colien Ahlwarth ist ähnlicher Ansicht: „Es wäre schön, wenn die Busse häufiger fahren würden. Außerdem sollten aktuelle Meldungen, Umleitungen oder Ausfälle besser kommuniziert werden.“ Ihrer Erfahrung nach sei auf die digitalen Anzeigetafeln an den Bushaltestellen nicht immer Verlass. Zusätzlich erzählen uns viele Studierende, dass sie das Anruf-Sammel-Taxi bisher nicht kannten.

Verpasste Chancen: Wenn öffentlicher Nahverkehr Kultur verhindert

Von den eingeschränkten Verbindungen am Abend sind nicht nur Pendlerinnen und Pendler betroffen. Auch das kulturelle Leben der Stadt leidet darunter. Wer ins Stadttheater, ins Kino oder zu einer Abendveranstaltung im Pumpwerk möchte, steht häufig vor derselben Frage: Wie komme ich danach wieder nach Hause? Viele Vorstellungen enden erst kurz vor 22 Uhr, einige sogar noch später. Zu diesen Zeiten ist der reguläre Busverkehr bereits stark reduziert, sodass der Anschluss an den Bahnhof nur noch eingeschränkt funktioniert. Manche Stadtteile sind zu diesen Zeiten gar nicht oder nur mit langen Wartezeiten erreichbar.

Für Menschen in Wilhelmshaven ohne Auto ergibt sich ein ähnliches Bild: Ein Theater- oder Kinobesuch ist kein spontaner Ausflug mehr, sondern eine logistische Herausforderung – mit dem Risiko, nach Vorstellungsende in einer dunklen, fast verkehrsfreien Stadt zu stehen.

Besonders am Wochenende wird das spürbar. Während andere Städte am Freitag- und Samstagabend ihr Angebot ausweiten, fährt Wilhelmshaven herunter. Dabei sind Freizeit, Kultur und gesellschaftliches Leben genau dann gefragt. Für viele junge Menschen, Studierende oder Alleinstehende bedeutet das: Sie müssen sich einschränken – oder gar nicht erst losfahren. Ein Kinoabend, ein Konzert oder ein Kneipenbesuch endet allzu oft mit Blick auf die Uhr statt auf die Bühne.

„Wir hören immer wieder, dass der Abendverkehr nicht ausreicht“, sagt der Vorsitzende des Fahrgastverbands Pro Bahn. Auch die fehlende Abstimmung von Bahn- und Buszeiten sei bereits seit Jahren ein bekanntes Problem. Wenn der letzte Zug um 00:21 Uhr in Wilhelmshaven ankommt, gibt es keine anschließende Busverbindung mehr. Daher fordert Pro Bahn, dass die Stadtwerke und der Stadtrat endlich handeln. „Ab 20 Uhr sollte ein 30-Minuten-Takt für alle Linien eingeführt werden“, so Zschiesche. Denn nur so könne dafür gesorgt werden, dass Studierende, Berufstätige oder Touristen zuverlässig mobil bleiben.

Der Abendverkehr in Wilhelmshaven zeigt deutlich, dass Anspruch und Realität oft auseinanderliegen. Für Studierende, Berufstätige und Kulturgänger wird Mobilität nach 20 Uhr somit zur Herausforderung, wodurch die Attraktivität der Stadt leidet. Ein ausgebautes und verlässliches Linienangebot am Abend ist längst überfällig, um Alltag, Freizeit und Teilhabe zu sichern.

Bislang bleibt es allerdings beim Appell seitens Pro Bahn und Wunschdenken der Fahrgäste. Denn für den Ausbau des Abendangebotes bräuchte es politischen Willen und klare Prioritäten.