Hürden, die keiner sieht

Von Malin Koldeweyh und Lisa Vaske

aus dem Modul Investigative Recherche

Wie inklusiv ist der Nahverkehr in Wilhelmshaven wirklich?

Die Sitzplätze im Bus sind für Rollatoren ausgeschildert, jedoch gehen sie im Trubel des vollen Busses leicht unter. Der Infobildschirm zeigt lediglich ein Standbild. Die Durchsagen gehen im Stimmengewirr der Fahrgäste unter. Beim Aussteigen wird der Höhenunterschied zwischen Bus und Bordstein deutlich. Details, die für viele nur kleine Unannehmlichkeiten darstellen, für Menschen, die auf barrierefreie Mobilität angewiesen sind, jedoch entscheidende Hürden. Wie inklusiv ist der ÖPNV in Wilhelmshaven tatsächlich?

Rollstuhlnutzer im barrierefreien öffentlichen Verkehr, Innenansicht eines Stadtbusses. Designed by Magnific
Rollstuhlnutzer im barrierefreien öffentlichen Verkehr, Innenansicht eines Stadtbusses. (Foto: Designed by Magnific)

Für viele Menschen mit Behinderung ist der Alltag in Wilhelmshaven ein Hindernislauf: unebene Wege für Rollstuhlfahrer*innen, fehlende akustische Signale für Blinde und regelmäßig ausfallende Informationsbildschirme in Bussen, die gehörlose Menschen vor zusätzliche Probleme stellen. Ein Nahverkehr, der auf dem Papier barrierefrei wirkt, in der Praxis jedoch häufig versagt.

Dominik ist 30 Jahre alt und arbeitet bei der Gemeinnützigen Gesellschaft für Paritätische Sozialarbeit, kurz GPS Wilhelmshaven, am Empfang. Bus fährt er nur, wenn es sein muss. Die Rampe werde häufig erst ausgeklappt, wenn er nachfrage, denn „manchmal bleibt der Busfahrer einfach sitzen“, erzählt er. Aus Sicherheits- und Haftungsgründen dürfe offiziell nur das Fahrpersonal helfen. Was nach einer Kleinigkeit klingt, wird im Alltag schnell zur Hürde. Denn oft ist unklar, ob Hilfe kommt oder ob der Bus überhaupt hält. Wenn der Platz im Bus zu eng sei oder bereits ein Kinderwagen mitfahre, würden die Fahrer*innen manchmal einfach vorbeifahren, erzählt Dominik. Dafür habe er zwar Verständnis, wünscht sich aber, dass zumindest kurz angehalten und Bescheid gesagt werde. Heute legt er deshalb viele Strecken allein mit dem Rollstuhl zurück – quer durch die Stadt.

Stufen, Kanten, Kompromisse

Als Rollstuhlfahrer kennt Dominik das Problem ungeeigneter Bordsteinabsenkungen nur zu gut. Oft führen sie erst steil abwärts und dann wieder hinauf. „Da bleiben die kleinen Vorderräder hängen und nutzen sich ab“, sagt er. Für viele kaum sichtbar, entscheiden solche Kanten darüber, ob jemand selbstständig unterwegs sein kann oder auf Hilfe angewiesen ist. Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) bestätigt diese Erfahrungen auch auf bundesweiter Ebene: Besonders im Busverkehr gebe es noch „erheblichen Nachholbedarf“. Barrierefreiheit müsse die gesamte Mobilitätskette umfassen, von der Information über den Fahrplan bis zum sicheren Ausstieg.

Auch überregionale Verbindungen bleiben problematisch. Wer mit der NordWestBahn reisen möchte, muss den Rollstuhlplatz mindestens einen Tag im Voraus reservieren. Spontane Ausflüge sind so kaum möglich, erzählt Dominik. Selbst der Ausstieg aus der Bahn wird schnell zur Hürde, denn Bahnsteig und Zug passen selten exakt zueinander: Mal ist der Abstand zu hoch, mal zu niedrig. Ein weiterer Beleg dafür, dass die Barrierefreiheit in Deutschland noch immer keine Selbstverständlichkeit ist. Während Bahnsteige in Hamburg meist 96 Zentimeter hoch sind, liegen sie in Niedersachsen bei 76 Zentimetern schreibt der Verkehrsclub Deutschland (VCD) 2024. Züge dagegen haben häufig nur eine Einstiegshöhe von 60 Zentimetern – ein barrierefreier Einstieg ist damit vielerorts nur mit Hilfe oder Rampe möglich.

Piktogramme und Türöffner an der Drehtür der Nordsee Passage in Wilhelmshaven (Nov. 2025). (Foto: Malin Koldeweyh)
Piktogramme und Türöffner an der Drehtür der Nordsee Passage in Wilhelmshaven (Nov. 2025). (Foto: Malin Koldeweyh)
Höhenunterschied beim Einstieg in den RE 18 in Wilhelmshaven Richtung Oldenburg (Nov. 2025) (Foto: Malin Koldeweyh)
Höhenunterschied beim Einstieg in den RE 18 in Wilhelmshaven Richtung Oldenburg (Nov. 2025) (Foto: Malin Koldeweyh)

Sabine Görg, Mitglied im Seh- und Blindenverband in der Region Oldenburg und selbst Betroffene, schildert ähnliche Erfahrungen. Für viele Menschen mit Sehbehinderung seien grundlegende Informationen im öffentlichen Nahverkehr schwer zugänglich: „Busnummern, Uhrzeiten oder die Fahrtrichtung eines Busses sind häufig nicht erkennbar.“ Zwar gebe es in einigen Kommunen bereits Informationsstelen mit Sprachausgabe, diese seien jedoch längst nicht überall vorhanden. Auch in den Fahrzeugen selbst komme es hin und wieder zu Einschränkungen: „Akustische Ansagen sind oft zu leise oder fehlen ganz.“ Hinzu komme, dass viele Busse noch nicht vollständig den aktuellen Vorgaben entsprächen. Symbole seien klein oder kontrastarm gestaltet und für blinde Menschen nicht tastbar. Darüber hinaus weist Görg darauf hin, dass viele Fahrzeuge sich nicht automatisch absenken, was insbesondere für Rollstuhlnutzer*innen eine zusätzliche Hürde darstelle. Auch das Umfeld von Haltestellen sei vielerorts noch nicht durchgehend barrierefrei: fehlende taktile Leitstreifen, unklare Abgrenzungen zum Straßenraum oder Ampeln ohne akustische Signale könnten den Weg zur nächsten Kreuzung erschweren. „Bereits kurze Wegstrecken können so zu einer Herausforderung werden“, erklärt sie.

Barrieren im Kopf

Neben baulichen Hindernissen erleben viele Betroffene auch unsichtbare Barrieren: Unsicherheit, Berührungsängste oder übertriebene Vorsicht. Ein Erlebnis am Bahnhof ist Dominik besonders im Gedächtnis geblieben. Bei einer Zollkontrolle habe ein Diensthund kurz Interesse gezeigt, sei aber sofort zurückgerufen worden. „Warum? Ich bin ein normaler Mensch. Ich möchte kontrolliert werden”, sagt er. Für ihn beginnt Barrierefreiheit im Kopf. Mit Normalität, nicht mit Mitleid.

Wer im Alltag kaum Kontakt zu Menschen mit Behinderung hat, reagiert oft unsicher oder gehemmt im Umgang mit ihnen. Eine Befragung im Rahmen der TIB-Studie unter deutschen Busfahrer*innen aus dem Jahr 2012 zeigte, dass knapp 30 % sich im Umgang mit Menschen mit geistiger Beeinträchtigung unsicher fühlten, insbesondere aufgrund fehlender Erfahrung und Verhaltensunsicherheit. 13,1 % der Befragten gaben an, beruflich Kontakt zu dieser Personengruppe gehabt zu haben, 19,0 % privat. Zudem strebten 23,4 % der Befragten eine zusätzliche Unterstützung, etwa in Form von Assistenz, an, um den Umgang zu verbessern.

Ein Kampf darum, gehört zu werden

Lars Peichert ist 39 Jahre alt, arbeitet in der Montage bei der GPS und engagiert sich im Behindertenbeirat Wilhelmshaven. Bus fährt er schon lange nicht mehr, zu oft gab es Hindernisse. Meist bringt ihn seine Mutter Cornelia zur Arbeit oder zu Terminen. Auch sie ist bei der GPS aktiv und kennt die Schwierigkeiten, mit denen ihr Sohn und viele andere täglich konfrontiert sind. Gemeinsam versuchen sie, auf politischer Ebene etwas zu verändern.

Über 50 Beschwerden zur mangelnden Barrierefreiheit seien allein bei der GPS gesammelt worden, erzählen sie. Die beiden nehmen regelmäßig am politischen Stammtisch des Behindertenbeirats teil, bei dem Betroffene und Entscheidungsträger miteinander ins Gespräch kommen. Lars wendet sich direkt an Politiker*innen und sucht in ihnen ein Sprachrohr für seine Anliegen. Trotz ihres Engagements bleibt vieles schwierig. In der Vergangenheit seien Anträge des Behindertenbeirats häufig abgelehnt worden. Erst wenn sich Personen in höheren Positionen einschalten, komme Bewegung in die Sache.

Cornelia Peichert fordert deshalb, dass Betroffene frühzeitig in Planungsprozesse einbezogen, werden: „Man fragt dann: ‚Ist das auch barrierefrei?‘ – ‚Ja, haben wir berücksichtigt‘, heißt es. Aber warum fragt man uns nicht gleich bei der Planung?“ Diese Haltung frustriert, doch Aufgeben kommt für sie nicht infrage: „Wir sind resigniert, aber nicht traurig, sondern wütend und kämpferisch.“

Zwischen Anspruch und Realität

Der Verkehrsplaner Martin Heintz von der Stadt Wilhelmshaven sagt zu dem Stand der Barrierefreiheit: „Wir bauen seit mehreren Jahren jährlich bis zu 16 Haltestellen barrierefrei um.” Die Geschwindigkeit hänge von den verfügbaren Planungs- und Finanzmitteln ab. „Die Bushaltestellen werden durch die LNVG gefördert, aber ein Teil der Kosten verbleibt bei der Stadt”, so Heintz weiter. Er betont, Wilhelmshaven sei dabei nicht schneller oder langsamer als andere Gemeinden. Der Ausbau sei ein großer infrastruktureller Aufwand.

Auf die Frage, warum das Ziel der vollständigen Barrierefreiheit bis 2022 nicht erreicht wurde, verweist Heintz erneut auf fehlende personelle und finanzielle Kapazitäten und die hohe Anzahl an Haltestellen im Stadtgebiet. Kritik kommt jedoch vom Behindertenbeirat: Während Heintz betont, die Planung der taktilen Leiteinrichtungen sei „grundsätzlich mit dem Behindertenbeirat abgestimmt“, berichten uns Lars und Cornelia Peichert, dass Betroffene in die konkrete Planung kaum einbezogen werden. Damit zeigt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen formaler Abstimmung und tatsächlicher Beteiligung. Entscheidungen über Barrierefreiheit werden in Wilhelmshaven häufig getroffen, ohne die Perspektiven derjenigen ausreichend zu berücksichtigen, die täglich auf sie angewiesen sind.

Auch Regionalvorsitzender Hans-Joachim Zschiesche vom Fahrgastverband Pro Bahn beobachtet die Entwicklung in Wilhelmshaven kritisch. Zwar habe sich durch Landesförderungen einiges verbessert, denn viele Haltestellen wurden modernisiert, erhielten barrierefreie Zugänge, Wetterschutz und bessere Beleuchtung. Doch vor allem am Bahnhof gebe es weiterhin Probleme. Die Bahnsteige seien zwar grundsätzlich barrierefrei, würden jedoch nicht ausreichend gepflegt, was Beleuchtung und Sauberkeit angehe. Nach Einschätzung des Verbands fehlt es weniger an gesetzlichen Vorgaben als an konsequenter Umsetzung und an ausreichender Instandhaltung. Fördergelder fließen meist in Neubauten, während für Wartung und Pflege wenig bleibt. „IC-Bahnhöfe haben bei der Bahn oft Vorrang“, sagt Zschiesche. Positiv hebt Pro Bahn die Zusammenarbeit mit dem Sozialverband Wilhelmshaven hervor: Einmal jährlich bieten beide Organisationen Schulungen am Fahrkartenautomaten an, vor allem für ältere oder seh-beeinträchtigte Menschen, die Unterstützung im Umgang mit den digitalen Geräten benötigen. Auch im Busverkehr sieht Pro Bahn weiterhin praktische Hürden. So seien die gekennzeichneten Plätze für Rollator-Nutzer*innen zwar ein Schritt in die richtige Richtung, führten aber in der Praxis immer wieder zu Konflikten, wenn der Platz begrenzt sei. Das zeige, dass Barrierefreiheit nicht nur technisch, sondern auch sozial gedacht werden müsse.

Ein Blick über die Stadtgrenze

Wie groß die Unterschiede sind, merkt Familie Peichert vor allem auf Reisen. In Großstädten und besonders in den nordischen Ländern funktioniere vieles deutlich besser: abgesenkte Bordsteine, automatische Türen, gut sichtbare Beschilderungen und verlässliche Busverbindungen. Auch nach Angaben des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) ist die Lage bundesweit ähnlich: Fehlende Standards sowie unterschiedliche Bahnsteighöhen und mangelnde Abstimmung zwischen Verkehrsverbunden verhindern in Deutschland eine durchgängig barrierefreie Reisekette. „Wirklich barrierefrei ist eine Reise nur, wenn Ein- und Ausstieg niveaugleich möglich sind“, so der Verband.

Ein langer Weg zur Selbstverständlichkeit

Barrierefreiheit ist mehr als Technik, sie ist eine Frage von Haltung, Verantwortung und politischem Willen. In Wilhelmshaven zeigt sich, wie groß die Lücke zwischen gesetzlichen Vorgaben und gelebter Realität noch ist. Die Stadt baut, modernisiert und plant, doch im Alltag von Menschen wie Dominik oder Lars bleibt vieles ein Flickenteppich aus einzelnen Maßnahmen: die Busrampe, die nicht ausgeklappt wird, die Tür, die zu schwer ist, der Bordstein, an dem man hängen bleibt, und das Gefühl, immer noch ein Ausnahmefall zu sein.

Barrierefreiheit bedeutet nicht, dass geholfen wird, sondern dass keine Hilfe nötig ist. Sie ist keine Zusatzleistung, sondern die Grundvoraussetzung für Teilhabe. Dabei profitieren nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern auch Eltern mit Kinderwagen, ältere Menschen oder Personen mit temporären Einschränkungen.