Von der Idee zum „Wow“-Moment: Hinter den Kulissen der Schneiderei der Landesbühne Nord

Von Charlotte Tönjes und Talea Schmidt

aus dem Modul Journalistische Grundlagen 2

Der Vorhang geht auf, das Ensemble erscheint in maßgeschneiderten Kostümen auf der Bühne. Doch was das Publikum häufig nicht sieht: der lange Weg von der ersten Idee bis zum fertigen Bühnenoutfit.

40 Meter mattglänzende Seide, kunstvolle Raffungen, eine lange Schleppe. Bis zu 513 Zuschauer:innen können das rote Ballkleid  Ende Januar auf der Bühne bestaunen. So viele Besucher:innen können auf den Samtstühlen des Stadttheaters Platz nehmen und sich das Stück „Alles muss Glänzen“ ansehen. Doch nicht nur in den auffälligen Kostümen steckt viel Arbeit: Jedes einzelne Kleidungsstück, welches auf der Bühne zu sehen ist, wurde sorgfältig kuratiert, entworfen oder angepasst. Viele entstehen in der Schneiderei der Landesbühne, so auch das rote Ballkleid, das in „Alles muss Glänzen“ bereits seinen dritten Bühnenauftritt haben wird.

Doch der Weg dorthin beginnt lange vor der ersten Probe.

Von der Vision zur Bühne

Drei Monate vor der Premiere: Konzeptionsvorgespräch. Welche Vision möchte die Ausstatterin, für „Alles muss Glänzen“ Wiebke Heeren, auf die Bühne bringen? Sie spricht mit den Verantwortlichen der Schneiderei, der Werkstatt und der Technik. Die Kostüme müssen mit dem Bühnenbild harmonieren, sich gegenseitig ergänzen und hervorheben, das Licht darauf abgestimmt werden. In der Landesbühne Nord stammt das Stückkonzept für Bühnenbild und Kostüm in der Regel aus einer Hand. So lässt sich eine Vision stringenter durchsetzen. Spielt das Stück in einer historischen Kulisse, einer postapokalyptischen Welt oder doch in einem spießigen Wohnzimmer?

Wiebke Heeren trägt für „Alles muss Glänzen“ die Verantwortung für die künstlerische Ausgestaltung. In der Schneiderei der Landesbühne sind ihre Figurinen zu sehen, so heißen die Konzeptionspapiere der verschiedenen Outfits. Einige Ausstatter:innen zeichnen Skizzen, andere nehmen Inspirationsbilder oder gestalten Collagen, nicht nur Wilhelmshaven. Doch hier hängen auch Figurinen vergangener Jahre noch an den Wänden, erinnern an die Kostüme der Spielzeit. Jede von ihnen in ihrem eigenen Stil, klar einer künstlerischen Persönlichkeit zuzuordnen.

Acht Wochen vor der Premiere: Konzeptionsgespräch. Wieder treffen sich Ausstatterin und die Verantwortlichen des Handwerks. Aus der Vision entsteht nun ein konkreter Arbeitsplan. Wie viele Kapazitäten stehen der Schneiderei, unter der Leitung von Manuela Dillwitz, im Moment zur Verfügung, um die geplanten Kostüme umzusetzen? Einige Teile können aus dem Fundus genommen werden, benötigen vielleicht nur kleine Änderungen, andere müssen von Grund auf neu entworfen werden. Der Arbeitsaufwand ist für jedes Stück unterschiedlich. Während Stücke, die in der realen Gegenwart spielen häufig Kostüme aus dem Fundus genommen werden können, müssen historische Kostüme häufig in langwieriger Handarbeit genäht werden. In der Regel ist ein:e Schneider:in für ein Kostüm zuständig, von der ersten Naht bis zur letzten Anprobe.

Der Fundus des Theaters bietet ebenfalls Kostüme in Hülle und Fülle. Carrie Bradshaw würde angesichts der langen Reihen von Schuhen und Abendkleidern große Augen bekommen. Ein 80er Jahre Brautkleid, fließende Bohemian-Sommerkleider, über und über mit Strass besetzte Hosen: Säuberlich aufgereiht und etikettiert warten sie auf ihren erneuten Einsatz. Doch auch sie kommen nicht ohne Anprobe und etwaige Änderungen auf die Bühne. 

ein rotes Kleid auf einem Mannequin aufgestellt
Das rote Ballkleid, 40 Meter Seide, wird in „Alles muss Glänzen“ sein dritten Bühnenauftritt erleben.

Zwischen Anprobe und Auftritt

Mit dem Beginn des Nähens kommen daher auch logistische Herausforderungen hinzu: Schauspieler:innen, der/die Ausstatter:in des Stücks und die Schneider:innen müssen Zeit für eine gemeinsame Anprobe finden. Keine leichte Aufgabe bei Schichtdiensten und Probeplänen. 

Denn zum Arbeitsalltag der Schneiderei gehört nicht das Nähen allein. Auch der Ankleidedienst ist Teil der Stellenbeschreibung. Wenn Schauspieler:innen ihre Kostüme während des Stücks wechseln und sich schnell umziehen müssen, stehen ihnen Ankleider:innen während der gesamten Vorstellung zur Seite. Darüber hinaus kümmern sie sich im Anschluss an die Vorstellung um die Reinigung und Pflege der Kostüme. Aufgrund vorstellungsgebundener Arbeitszeiten können diese stark variieren.

Die Kostüme selbst müssen dem Spiel standhalten: Beim Weihnachtsmärchen bis zu 64 Vorstellungen, schnelles Umziehen, ausdrucksstarke Bewegungen. Ankleider:innen haben immer ein Notfallset dabei, um schnell noch einen Knopf annähen zu können, eine Naht zu sichern.

Hinzu kommt eine Besonderheit der Landesbühne Nord: Sie bespielt mindestens 12 Spielstätten mit 17 Produktionen pro Jahr. Nicht jede Inszenierung wird überall gezeigt, doch das Ensemble und das technische Team sind viel unterwegs. Auch hier eine logistische Herausforderung: Sämtliche Kostüme und Bühnenbilder müssen gut transportierbar sein. 

Zwei Wochen vor der Premiere: Die Schauspieler:innen beginnen, in ihren Bühnenkostümen zu proben. Ein weiteres Mal wird genau hingeguckt. Jedes Kleidungsstück muss perfekt sitzen, die Farbe im Scheinwerferlicht genau so wirken wie sie soll. Vielleicht wird noch ein allerletztes Detail geändert. 

Schließlich Premiere: Mattglänzende Seide, 40 Meter Stoff, in Handarbeit mit liebevollen Details versehen. Ein Auftritt, eine Erscheinung. Das rote Kleid.