Rechtsextremist:innen gefährden in Deutschland mit einer ablehnenden bis hin zu gewalttätigen Haltung die Pressefreiheit. Besonders spürbar ist das in Lokalredaktionen. Wie gehen Medienschaffende und Zeitungen damit um?
- Amélie Boldt, David Koch
Es ist Samstag, 12 Uhr mittags. Der Marktplatz einer deutschen Kleinstadt hat sich mit Demonstrierenden gefüllt. Plakate ragen über den Köpfen der Menge. Am Rande des Platzes steht ein Kamerateam mit einem Reporter. Zunächst ist alles friedlich, doch um 12.28 Uhr kippt die Stimmung. „Lügenpresse”, schreit eine Demonstrantin und spuckt dem Reporter vor die Füße. Ein weiterer Demonstrant rempelt den Kameramann an. In wenigen Sekunden sind die Journalist:innen von wütenden Demonstrierenden umringt. Es wird mit dem Finger auf sie gezeigt und dabei Drohungen ausgesprochen. „Weg mit euch, sonst gibt‘s Schläge.”
So oder so ähnlich sieht die Realität vieler Lokaljournalist:innen aus. Auch für die Journalist:innen der Ostfriesen-Zeitung (OZ) können Demonstrationen zu einem gefährlichen Ort werden. Der Chefredakteur der Lokalzeitung aus Leer, Lars Reckermann, erzählt im Gespräch gegenüber unserer Redaktion: „Eine Kollegin von mir wurde vor zwei Jahren zusammengetreten. Nach einem Termin. Und war so schwer verletzt, dass sie ein halbes Jahr aus dem Beruf war.” Dies sei nur ein Fall gewesen und eher ungewöhnlich für Ostfriesland, sagt Reckermann.
Selbstverteidigung zum Schutz von Medienschaffenden auf Demos
Die Lokalzeitung aus Ostfriesland reagierte darauf unter anderem mit einem Selbstverteidigungskurs für Journalist:innen damit diese sich während und außerhalb der Arbeit schützen können. „Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen. Jeder weiß, wie ich aussehe und wie mein Reporter aussieht, der über das Thema berichtet. Einen Kollegen haben wir anonymisieren lassen.” Da müssten die Medienschaffenden einfach ein bisschen aufpassen – Rechtsextreme könnten eigentlich jede Adresse rauskriegen, sagt Reckermann.
Der Redakteur, um den sich Reckermann sorgt, recherchiert in rechtsextremen Kreisen und betreibt einen Newsletter: Rechtes Ostfriesland (1). Der Kollege müsse sehr hart kämpfen, um an Informationen zu kommen, sagt Reckermann. „Die AfD Sympathisanten sagen, wir sind viel zu linkslastig. Er ist auf diversen Listen gekennzeichnet. Dann hat man ihn fotografiert.” Das ein oder andere Mal sei er sogar mit blauen Flecken von einer Demo gekommen, berichtet Reckermann.
Dialog mit Rechten ist für Journalist:innen kaum möglich
Wir schicken eine Mail an Thorsten Moriße, den AfD-Landtagsabgeordneten aus Wilhelmshaven. Von ihm wollen wir wissen, wie die AfD zum Thema Pressefreiheit steht. Nicht einmal zwei Stunden später: eine Absage – aus terminlichen Gründen. Als Zeitraum, in dem das Gespräch stattfinden sollte, hatte unsere Redaktion drei Monate angesetzt.
Statt mit klassischen Pressevertreter:innen zu reden, nutzt die AFD ihre eigenen Kanäle auf Social Media. Lars Reckermann erklärt: „Die brauchen uns ja auch gar nicht mehr. Die haben eigene Kanäle, auf denen sie senden können.” Studien zeigen: Nicht nur die OZ hat Schwierigkeiten mit den Abgeordneten der Partei zu reden.
Die Kanäle der Partei erreichen auf Social Media über 6,55 Millionen User:innen (2) – mehr als doppelt so viele wie alle anderen Parteien. Und dort bestimmen sie selbst, welche Inhalte wie produziert werden.
Der Dialog mit der in Teilen rechtsextremen Partei ist auch außerhalb der digitalen Welt ein Problem: Forschende der TU Dresden kommen in einer aktuellen Studie aus 2025 zu dem Schluss, dass die Gewalt gegen Journalist:innen gerade bei rechten Versammlungen zunähme. Die Studie erklärt dieses Verhalten damit, dass diese Akteur:innen ihr Territorium abstecken und ihre Macht zum Ausdruck brächten. Sie würden ihre Räume mit Drohungen, Gewalt und dem Ausschluss Anderer verteidigen. In der Folge mieden Journalist:innen diese Demonstrationen und Ansichten von rechten Politiker:innen und Demonstrant:innen können in den Medien nicht mehr dargestellt werden.
Berichterstattung über Rechtsextremismus in Deutschland
Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) unterstützt Journalist:innen dabei, Gewalt an Journalist:innen öffentlich zu machen, denn: „Übergriffe auf Journalisten sind kein Kavaliersdelikt, sondern sie müssen mit der Härte des Strafrechts geahndet werden”, sagt Hendrik Zörner, Pressesprecher des DJV, gegenüber unserer Redaktion. Verbandsmitglieder berichteten Zörner immer wieder, dass die Berichterstattung von Demonstrationen und Treffen von Rechtsextremisten brandgefährlich sei. Zörner beschreibt den Umgang mit der AfD so: „Wir haben mehrfach darauf hingewiesen, dass die Berichterstattung über die AfD die Nähe der Partei zum Rechtsextremismus nicht ausblenden darf. Klar ist aber auch, dass über die AfD berichtet werden muss.”
Doch nicht nur von Rechtsextremen wird die Berichterstattung der OZ über die AfD kritisiert. „Die AfD-Gegner sagen, wir hofieren die viel zu sehr”, sagt Reckermann. Für ihn sei es ein gutes Signal, wenn er Kritik von beiden Seiten bekäme.
Allerdings können die Leser:innen ihre Kritik jederzeit auf Social Media teilen. „Manche Diskussionen können wir nicht mehr zur Kommentierung freigeben, weil dann eine Kollegin permanent damit beschäftigt wäre, dort zu filtern und zu beobachten. Die Manpower habe ich gar nicht. Es passiert zuweilen, dass wir wissen, das lassen wir jetzt lieber raus.”
Feedback der Leserschaft: Der Ton gegenüber Lokalzeitungen wird rauer
Vom Missmut aufgrund von Berichterstattung bekäme er im lokalen Journalismus viel mit. „Zur Zeit der Bauernproteste standen bei uns vor der Redaktion acht Trecker und die Landwirte haben quasi die Zufahrt blockiert. Sie wollten mir nachweisen, dass wir ausschließlich negativ darüber berichten. Ich nehme das aber gar nicht böse, weil das keine Presseabteilung von irgendwelchen Landwirten war – sondern Landwirte. Die waren sauer, dass wir auch die Bauernproteste kritisch begleitet haben.”
Das sei laut Reckermann auch kein Einzelfall. Wenn er E-Mails von Leser:innen bekäme, „höre ich aus jeder Mail echt eine Lautstärke raus. Aber als Journalist richtet mich das immer wieder auf, wenn jemand sagt: „Das darfst du nicht schreiben – lass es weg.“ Es gelte aber immer dasselbe wie bei den Bauernprotesten: „Wir haben die kritisch begleitet, wie Journalismus sein muss.“
Neben einem rauen Ton sind kostspielige Gerichtsverfahren eine besonders große Belastung für lokale Medienunternehmen. Die Ostfriesen-Zeitung sei bereits mit SLAPP-Klagen konfrontiert worden, berichtet Chefredakteur Lars Reckermann. „Mir kommt es zumindest so vor, als ob die Klagebereitschaft zugenommen hätte.Fast jeden Tag liegt irgendwas auf dem Schreibtisch und mich verklagt jemand.” Die Klagen kämen, laut Reckermann, von allen Seiten und ließen sich keiner einzelnen “politischen Gesinnung” zuordnen.„Das macht es auch vielen leicht, dass vielleicht kleinere Verlage dann doch sagen, ach komm, dann lassen wir es lieber bleiben. Da geht viel Geld für drauf.”
Trotz tätlicher Übergriffe gegen Journalist:innen, Drohungen und Klagen beschreibt Zörner die Lage der Pressefreiheit in Deutschland als vorzeigbar. „Im internationalen Vergleich kann sich die Pressefreiheit in Deutschland sehen lassen. Dennoch gibt es Probleme – vorrangig durch Übergriffe extremistischer Kräfte auf Journalistinnen und Journalisten.” Er betont außerdem: „Rechtsextremisten arbeiten daran, die Pressefreiheit auszuhöhlen. Dem müssen sich alle Demokraten entschieden entgegenstellen.”
- Bilder: Erstellt von Amélie Boldt, David Koch (Quelle: https://www.bundesjustizamt.de/DE/Themen/FocalPointSLAPP/Aufgaben/Aufgaben_node.html), Lars Reckermann