Das Anruf-Sammel-Taxi – sinnvolle Alternative zum Linienbus?

Von Daria Ruginis und Merle Bräuer

aus dem Modul Datenjournalismus

Moderne digitale Anzeigetafeln informieren Fahrgäste nun in Echtzeit über Abfahrtszeiten und Verbindungen.
Moderne digitale Anzeigetafeln informieren Fahrgäste in Echtzeit über Abfahrtszeiten und Verbindungen (Bild: Daria Ruginis).

Es ist kurz vor 8 Uhr abends in der Wilhelmshavener Innenstadt. Die Läden sind geschlossen, nur vereinzelt huschen noch Menschen über die Straßen. Auch die Busse fahren jetzt seltener, manche Linien haben ihren Betrieb um diese Uhrzeit bereits vollständig eingestellt. Wir wollen zurück in unsere Wohnung – eigentlich mit der Linie 4. Doch laut Fahrplan fährt um diese Uhrzeit kein Bus mehr auf dieser Linie. Stattdessen der Vermerk „Anruf-Sammel-Taxi: Fahrt wird nur durchgeführt, wenn Fahrtwunsch mind. 30 Minuten vor Abfahrt telefonisch angemeldet wird.

Wir sind spät dran, rufen aber trotzdem an. Ein Mann meldet sich, die Stimme leicht gestresst aber sachlich. Wir nennen Haltestelle und Ziel, er notiert die Angaben. „Alles klar“, sagt er kurz, dann legt er auf. Jetzt heißt es warten.

Um 20:32 Uhr, zur Zeit der planmäßigen Busabfahrt, ist von einem Taxi nichts zu sehen. Nach ein paar Minuten beginnen wir zu zweifeln, ob der Anruf funktioniert hat. Dann rollt ein Wagen heran, das gelbe Taxischild leuchtet. Wir sind gerade eingestiegen, da verlangt der Taxifahrer einen Euro von jedem. Wir sind überrascht, schließlich haben wir das Deutschlandticket. „Komfortzuschlag“, erklärt er.

Während der Fahrt kommen wir ins Gespräch. Er erzählt von seiner Schicht, vom abendlichen Betrieb. Die Strecke ist dieselbe wie bei der Busfahrt, nur kürzer: keine Zwischenstopps, kein Warten an jeder Haltestelle, da niemand außer uns eine Fahrt auf der Strecke angemeldet hat. Nach wenigen Minuten erreichen wir unser Ziel. Der Fahrer wünscht uns einen schönen Abend, das Taxi biegt um die Ecke und die Rücklichter verschwinden in der Dunkelheit.

So funktioniert das Anruf-Sammel-Taxi

Wer in Wilhelmshaven abends unterwegs ist, soll nicht zu Fuß gehen müssen: Das Anruf-Sammel-Taxi (AST) soll die Lücke füllen, die fehlende Busverbindungen am Abend hinterlassen.

Für die Linien 2 und 4 bieten die Stadtwerke Wilhelmshaven (SWWV) in den Abendstunden sogenannte AST an. Das Prinzip: Fahrgäste müssen ihre Fahrt mindestens 30 Minuten vor der planmäßigen Abfahrt telefonisch anmelden. Das Taxi holt sie dann an der gewünschten Haltestelle ab und bringt sie, entsprechend der gewählten Buslinie, zur Zielhaltestelle. Auf der Linie 4 fährt das AST beispielsweise an Werktagen zwischen 19:55 Uhr und 0:39 Uhr insgesamt fünfmal pro Haltestelle.

 

Die SWWV begründen das System mit einer schwachen Verkehrsnachfrage in den Abendstunden auf den entsprechenden Buslinien. Das Angebot lässt sich mit allen regulären Bustickets nutzen.

Aufpreis – für was eigentlich?

Für die Fahrt mit dem AST fällt ein zusätzlicher „Komfortzuschlag“ von einem Euro pro Person an. Laut SWWV sei dieser Aufpreis gerechtfertigt. „Da die Fahrzeit in der Regel in wesentlich kürzerer Zeit als mit dem Bus abgewickelt wird, da es zwischen der Abfahrts- und Ankunftshaltestelle nicht den Linienweg sondern die kürzeste Strecke wählt, wird auf jeden gültigen Fahrausweis ein Komfortzuschlag von 1,00 Euro erhoben,“ heißt es auf der Website. Allerdings bleibt dabei fraglich: Ist es wirklich ein „Komfort“, wenn Fahrgäste ihre Fahrt mindestens 30 Minuten vorher telefonisch beim Taxiunternehmen anmelden müssen?

In der Praxis zeigt sich jedoch, dass dieser Vorteil nicht immer greift. Wenn mehrere Personen gleichzeitig Fahrten anmelden, fährt das AST auch mehrere Haltestellen an, sodass der direkte Weg entfällt. Ein Hinweis auf den Aufpreis findet sich in den Fahrplänen nicht. Fahrgäste, die kein Bargeld dabei haben, werden nach Angaben eines Taxifahrers nicht mitgenommen. Trotz unserer Anfrage erhalten wir von den Stadtwerken keine Stellungnahme zu unseren Fragen.

Ungenutztes Potenzial

Einige Fahrgäste gaben an, das Angebot der AST in Wilhelmshaven gar nicht zu kennen und dementsprechend noch nicht genutzt zu haben. Auf den neuen Fahrgastinformationstafeln an den Haltestellen findet sich kein entsprechender Hinweis. Lediglich auf den Aushängen vor Ort sowie auf der Website der SWWV sind die AST-Abfahrten vermerkt.

Eine Wilhelmshavenerin berichtete von ihrer negativen Erfahrung mit dem AST: Trotz telefonischer Anmeldung und Zusage sei das Taxi an ihrer Haltestelle vorbeigefahren. Dieses Beispiel zeigt, dass das Angebot nicht immer zuverlässig funktioniert – insbesondere dann, wenn man das AST nicht zum Bahnhof, sondern zu einer anderen Haltestelle bestellt.