Von Abdulrahman Hasan I 3 Min. Lesezeit
Nach dem Abitur scheinen alle Türen dieser Welt offen zu stehen. Der Weg zum Traumberuf rückt immer näher. Doch für Heba Alkadri war dies nicht der Fall. Ihr Traum, Journalistin zu werden und ein eigenes Magazin zu gründen, wurde von der ernsten Miene ihres Vaters begleitet. Ein eindringliches Gespräch machte ihr deutlich, dass in Syrien kein Platz für freien Journalismus ist, zumindest nicht für echten, unabhängigen Journalismus, wie sie ihn vor Augen hatte.
Heba Alkadri
„Entweder schreibst du der Regierung nach dem Mund oder sie finden einen Weg, dich verschwinden zu lassen“, erwiderte Hebas Vater in diesem Gespräch.
Im März 2011 erreicht der Arabische Frühling die älteste durchgehend bewohnte Hauptstadt der Welt: Damaskus. Es ist eine Zeit des Aufbruchs, denkt sich Heba, doch freier Journalismus bleibt in Syrien eine Utopie. Für Heba gibt es nur einen Weg: Sie entscheidet sich, anonym und unter Pseudonym zu schreiben, und startet einen eigenen Blog. Mutig schreibt sie hier über die Unterdrückung des Assad-Regimes gegenüber der Zivilbevölkerung.
„Es war alles aus dem Bauch heraus, also ohne Ausbildung“, beschreibt Heba ihre journalistische Arbeit in Syrien.
Schnell wird das oppositionelle Magazin „Enab Baladi“ auf sie aufmerksam, und sie beginnt, für das Magazin zu schreiben. Nebenbei liest sie Bücher und bringt sich journalistisches Arbeiten und Schreiben eigenständig bei.
Es gibt den syrischen Spruch „Selbst die Wände haben Ohren“, der beschreibt, wie gefährlich das Labyrinth der syrischen Geheimdienste ist. Heba wusste, dass ihre Zeit in Syrien begrenzt war. Es wäre wohl nur eine Frage der Zeit gewesen, bis das Assad-Regime sie an einem Checkpoint in Damaskus festgenommen und sie zu den hunderttausenden Vermissten gezählt hätte.
Und deshalb beginnt das nächste Kapitel für Heba in Deutschland.
„2016 kam ich nach Deutschland und habe mich direkt für den Journalismus entschieden. Es war aber beängstigend, weil es nicht meine Muttersprache ist, ich hier nicht aufgewachsen bin und die Kultur nicht kannte.“
Heba Alkadri
Ein mutiger Schritt, der sie nach Wilhelmshaven führt, genauer gesagt an die Jade Hochschule, wo sie Medienwirtschaft und Journalismus studiert.
Heute arbeitet Heba bei der Funke Mediengruppe als Datenjournalistin.
„Datenjournalismus ist nichts anderes als klassischer Journalismus, aber er verbindet ihn mit zusätzlichen Fähigkeiten, Ressourcen, Quellen und neuen Erzählformen.“
Als Gesellschaft können wir es uns nicht leisten, angesichts der täglich produzierten Daten auf Datenjournalismus zu verzichten, ist Heba überzeugt.
Doch noch wichtiger ist für sie, dass sie heute nicht mehr unter Pseudonym schreiben muss. Mit dem Sonnenaufgang des 18. Dezember 2024 war ganz Syrien elektrisiert und auch für sie wurde alles neu. Das „Assad-Regime“, das seit 1970 das Land regierte, war an diesem Tag gestürzt worden. Die Mauer der Angst war durchbrochen. Auch für Heba bedeutete dieser Moment, dass sie endlich unter ihrem echten Namen schreiben kann.
„Es war lange schwer für mich zu sagen: Ich bin Journalistin, aber nie unter meinem eigenen Namen.“
Heba Alkadri
Aber diese Erfahrung hat deutliche Spuren hinterlassen. Heba weiß, wie es sich anfühlt, in einer Gesellschaft ohne freien Journalismus zu leben. Genau das prägt umso mehr ihre journalistischen Werte und ihr Verständnis von Journalismus.
Für Heba beschränkt sich die Rolle des Journalismus nicht nur auf das Informieren. Sie sieht darin eine größere Aufgabe: „Journalismus sollte Menschen dort abholen, wo sie stehen. Nicht nur informieren, sondern auch befähigen.“ Besonders im Lokaljournalismus sieht sie die Chance, genau die zu erreichen, die sonst oft übersehen werden.
Auch das Verständnis von Demokratie ist für sie eng mit Journalismus verbunden. „Journalismus ist essenziell für die Demokratie. Eine informierte Gesellschaft kann ohne ihn nicht funktionieren.“
Gerade deshalb blickt sie mit Sorge auf aktuelle Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt für Journalist:innen. Viele ihrer Kolleg:innen haben den Beruf gewechselt oder sind in andere Branchen gegangen. Gründe gibt es viele.
Doch ihr Appell an die jüngere Generation bleibt klar und kraftvoll: „Ich wünsche mir, dass sich junge Menschen nicht vom Journalismus abhalten lassen.“
„Traut euch authentisch zu sein, gerade im Journalismus zahlt sich das aus. Wir brauchen Menschen, die mutig sind, Gesicht zeigen und sich nicht in eine perfekte Form pressen lassen.“
Heba Alkadri