Zwischen Datensätzen und Realität

Von Leonid Juretzko    I  3 Min. Lesezeit

„Vielleicht funktioniert es nur noch mit den harten Fakten.“

Eigentlich erwartet man ja, dass Datenjournalismus trocken bis ziemlich trocken ist. Viele Zahlen, Tabellen und ganz viel Programmieren. Nach dem Gespräch mit Julia Bellan bleibt aber etwas völlig anderes hängen: wie persönlich und menschlich dieser immer wichtigere Bereich des Journalismus am Ende eigentlich ist.

Alumni-Porträt von Julia Bellan (FAZ) zum 25-jährigen Jubiläum der Medienwirtschaft & Journalismus an der Jade Hochschule.
Julia Bellan (Bild: privat)

Julia Bellan

Aktuell bei: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Tätigkeitsfeld: Datenjournalismus
Auszeichnung: Marlies-Hesse-Nachwuchspreis 2025
Fokus: Der Mensch hinter den Statistiken

Julia ist 31 Jahre alt und arbeitet heute als Datenjournalistin bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Bereich Daten und Visualisierung. Ihr Weg dorthin verlief allerdings deutlich weniger geradlinig, als man vielleicht erwarten würde. Nach dem Bachelor in Medienwirtschaft und Journalismus an der Jade Hochschule arbeitete sie zunächst im Content Marketing, bei ihrem Wunschmaster wurde sie vorerst abgelehnt. Ihren Platz in der Branche musste sie sich somit Schritt für Schritt erarbeiten.

Gerade deshalb wirkt vieles, worüber sie spricht, extrem ehrlich. Nicht wie ein perfekter Karriereweg, sondern eher wie permanentes Ausprobieren, Zweifeln und Weiterentwickeln. Besonders gut beschreibt diesen Zwiespalt folgender Satz: „Man kann halt vieles, aber nichts so richtig gut.“ Das beschreibt das Gefühl vieler Medienstudierender ziemlich gut. Alles ein bisschen können, aber nie das Gefühl haben, irgendwo wirklich fertig zu sein. Gleichzeitig merkte Julia in der Datenjournalismus-Branche schnell, dass genau hier ihre Stärke erwachsen ist. Schreiben, recherchieren, analysieren, visualisieren und programmieren. Alles greift ineinander und kann von Julia sowohl verknüpft als auch verstanden werden.

Besonders spannend ist, dass sie Datenjournalismus nie als einen rein technischen Bereich beschreibt. Zahlen sind für sie eher ein Ausgangspunkt, um gesellschaftliche Entwicklungen sichtbar zu machen. Hinter jedem Datensatz stehen Menschen, Geschichten und reale Konsequenzen.

Wie sehr journalistische Datenarbeit gesellschaftliche Themen sichtbar machen kann, zeigt auch eine der bekanntesten Recherchen von Julia Bellan. Für den gemeinsam mit Franziska Pröll veröffentlichten FAZ-Beitrag „Du gehörst mir, also töte ich dich – Femizide vor Gericht“ wurde Julia mit dem Marlies-Hesse-Nachwuchspreis des Journalistinnenbund e.V. im Jahr 2025 ausgezeichnet. Die Recherche untersuchte erstmals, wie unterschiedlich deutsche Gerichte Tötungsdelikte an Frauen bewerten, und machte damit ein gesellschaftlich relevantes Problem sichtbar.

„Die Daten haben keine Gefühle. Sie können aber Gefühle auslösen.“

Gerade dieser Satz bleibt zentral während des gesamten Gesprächs. Vielleicht auch, weil er perfekt beschreibt, wie nüchtern und emotional Datenjournalismus gleichzeitig sein kann. Daten wirken objektiv, fast distanziert. Aber sobald sie Themen wie Gewalt gegen Frauen, gesellschaftliche Ungleichheit oder politische Entwicklungen sichtbar machen, entsteht plötzlich etwas sehr Menschliches daraus.

Immer wieder spricht Julia dabei auch über Verantwortung. Besonders in Zeiten von Fake News, Social Media und immer schneller werdenden Nachrichtenzyklen sieht sie journalistische Sorgfalt als wichtiger denn je. Dinge müssten überprüfbar bleiben, Quellen nachvollziehbar und Aussagen belastbar.

Dabei wirkt sie sehr reflektiert. Journalistinnen seien Menschen, deren Entscheidungen von ihren Erfahrungen und Wertevorstellungen trotz dem Bemühen um Neutralität beeinflusst sein können. Genauso können Daten biased sein. Hier gelte es immer zu hinterfragen, woher sie kommen, wer sie erhoben hat und welche Interessen dahinterstehen könnten, sagt Julia.

„Die Frage, ob absolute Objektivität erreicht werden kann, ist im Journalismus umstritten. Aber ich glaube fest, dass es der Anspruch sein sollte.“

Genau dieser Gedanke zieht sich durch das gesamte Gespräch. Nicht die Idee, perfekt objektiv zu sein, sondern sich immer wieder darum zu bemühen. Gerade deshalb wirkte ihre Sicht auf Journalismus viel realistischer als das klassische Bild von absolut neutralen Medien, das einem oft vermittelt wird.

Julia spricht offen über eigene Unsicherheiten. Während des Studiums habe sie oft das Gefühl gehabt, andere seien weiter als sie selbst. Viele hätten bereits Praktika bei großen Medienhäusern gehabt oder klarere Karriereziele verfolgt. Dieses Gefühl des Vergleichens kenne wahrscheinlich fast jede*r im Medienbereich. Genau deshalb wirkt das Gespräch auf mich so nahbar. Weil es eben nicht nur um Erfolg oder Karriere geht, sondern auch um Zweifel, Umwege und die Frage, wie man seinen Platz in dieser Branche überhaupt findet.

Trotz aller Herausforderungen merkt man Julia an, wie sehr sie ihre Arbeit begeistert. Besonders dann, wenn sie über Projekte spricht, bei denen aus komplizierten Datensätzen plötzlich verständliche Geschichten werden. Oder wenn sie erklärt, wie aus Satellitenbildern, Statistiken und Recherche am Ende journalistische Erkenntnisse entstehen.

Und vielleicht ist genau das das Spannende am Datenjournalismus: Dass er versucht, in einer immer emotionaleren Medienwelt Orientierung zu schaffen. Nicht laut, nicht reißerisch, sondern nachvollziehbar.

Oder, wie Julia selbst sagt: „Vielleicht funktioniert es nur noch mit den harten Fakten.“